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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

«Wir tragen immer eine gewisse Unsicherheit mit uns»

Eine deutliche Mehrheit der Schweizer Bevölkerung hat Ja gesagt zur Ehe für alle. Dennoch sind Menschen mit nicht heterosexueller Orientierung nach wie vor von Diskriminierungen betroffen, was es für sie schwierig macht, in der Öffentlichkeit und am Arbeitsplatz offen zu sich zu stehen. Roman Heggli, Geschäftsleiter von Pink Cross, der Dachorganisation der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz, erklärt im Interview, wie sich die Situation in der Schweiz für LGBTQ-Personen aktuell präsentiert und wo es Handlungsbedarf gibt.

Wie ist es den LGBTQ-Menschen in der Coronapandemie ergangen?

Es war für sie schwierig, weil viele Anlässe für sie nicht mehr stattfinden konnten, sichere Räume wegfielen und die Community fehlte, in der sie Energie tanken konnten. Insbesondere den Jugendlichen machte dies zu schaffen. Sie verbrachten mehr Zeit zu Hause und in der Familie – in einem Umfeld, das vielleicht nicht immer so akzeptierend war. Dazu kommt, dass für LGBTQ-Personen der Zugang zum Gesundheitswesen sowieso erschwert ist – viele trauen sich nicht, sich beim Arzt zu outen und verzichten lieber auf Hilfe. In der Pandemie wurden zudem diverse spezifische Angebote für die Gesundheit von LGBTQ-Personen eingeschränkt. So hat sich das Problem nochmals verschärft.

Was hat die Pandemie in der Gesellschaft ausgelöst bezüglich der LGBTQ-Thematik?

Ich glaube nicht, dass man einen Effekt gespürt hat. Viel mehr hat die Vorlage «Ehe für alle» das Thema in den Vordergrund gebracht.

Welche Diskriminierungen erfahren LGBTQ-Menschen in der Schweiz häufig?

Im Ranking von Rainbow Europe steht die Schweiz auf Platz 22 von 49 bezüglich der Rechte von LGBTQ-Personen – das ist fast der letzte Platz in Westeuropa. Dies zeigt, dass uns viele Rechte noch fehlen. Was Diskriminierungen betrifft, ist das Spektrum sehr breit. Hier sind Transpersonen besonders stark betroffen. Besonders tragisch sind die sogenannten Hate Crimes (hassbedingte Angriffe), die sich trotz Corona nochmals intensiviert haben, insbesondere während des Abstimmungskampfs für die «Ehe für alle». Diese häufigen Angriffe zeigen: Wir können noch immer nicht frei durch die Strassen laufen, wie wir wollen. Wir müssen uns gut überlegen, ob wir Hand in Hand gehen oder uns auf der Strasse küssen sollen. Dadurch tragen wir immer eine gewisse Unsicherheit mit uns.

Welche Diskriminierungen erleiden Ihre Mitglieder, die schwulen und bisexuellen Männer, in der Arbeitswelt?

Von ihnen hören wir relativ selten von offensichtlichen Diskriminierungen in der Arbeitswelt. Es gibt aber versteckte Diskriminierungen. Das zeigt sich nur schon daran, dass viele Betroffene unter Druck stehen, weil sie nicht wissen, ob sie sich outen können und wie akzeptiert sie danach wären. Dies kann sich negativ auf die Produktivität auswirken. Studien zeigen, dass sie um einen Drittel vermindert ist bei Personen, die am Arbeitsplatz nicht offen zu sich stehen können.

Viele Unternehmen schreiben sich Diversity auf die Fahne. Wie ernst nehmen diese Diversity in Bezug auf LGBTQ-Menschen in Ihrer Einschätzung?

Es gibt grosse Unterschiede zwischen den Unternehmen. Ich stelle aber fest, dass das Interesse in den letzten Jahren stark gestiegen ist und viele Netzwerke und Angebote für LGBTQ-Arbeitnehmende geschaffen wurden. Es ist wichtig, dass es dieses Bekenntnis der Unternehmen gibt, denn dann kann man es auch einfordern, wenn es in einem Betrieb zu einer Diskriminierung kommt. Rechtlich geschützt ist man nämlich aufgrund der sexuellen Orientierung nicht, wie das Bundesgericht entschied. So dürfte ein Unternehmen mir eine Anstellung verwehren, nur weil ich schwul bin.

Wie sinnvoll ist es überhaupt, LGBTQ-Menschen als separate Gruppe zu behandeln?

Solange es zu Diskriminierungen kommt, wird dies notwendig bleiben. Wohl für immer, weil wir nun mal eine Minderheit sind und bleiben. Wichtig erscheint mir, dass über die Bedürfnisse und Anliegen der LGBTQ-Personen gesprochen wird und dass diese im (Arbeits-)Alltag abgeholt werden. Denn ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität ist ein wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit.

Was wünschen Sie sich von Unternehmen und Organisationen/Verbänden in Bezug auf den Umgang mit LGBTQ-Menschen?

Die Arbeitgeber sollen nicht einfach im stillen Kämmerlein beschliessen, dass sie die Angestellten so akzeptieren, wie sie sind, sie sollen dies auch bekannt machen – nach innen und aussen. Klare Statements, dass keine Diskriminierung toleriert wird oder sogar eine Anlaufstellte für LGBTQ-Personen schaffen klare Verhältnisse. Organisationen und Verbände können eine wichtige Vermittlerrolle spielen und dabei unterstützen.

Was fordern Sie von der Politik?

Die Ehe für alle haben wir erreicht. Ein wichtiges Thema für uns ist nun die Verhinderung von Angriffen, von Hate Crimes auf LGBTQ-Personen. Dafür braucht es Aufklärung und Sensibilisierung. Wir fordern schon lange einen nationalen Aktionsplan, wie es ihn zum Beispiel für Rassismus gibt, mit koordinierten Massnahmen auf den Ebenen Bund, Kantone, Gemeinden. Weiter muss unsere Community auch im Gleichstellungsgesetz und der Gleichstellungsarbeit des Bundes eingeschlossen werden. In der Gleichstellungsstrategie des Bundesrates wurde diese Chance leider verpasst (vgl. dazu den Artikel «Gleichstellungsstrategie ohne Vision und ohne Biss»).

Wie unterstützen Sie Betroffene?

Für die Unterstützung einzelner Betroffener bieten wir einerseits die LGBTIQ-Helpline an, andererseits eine Rechtsberatung. Die Schwierigkeit ist, dass Betroffene häufig erst sehr spät für eine Beratung zu uns kommen.

Wo stehen wir in zehn Jahren, wo in zwanzig?

Ich hoffe, wir sind weiter! Dass gleichgeschlechtliche Paare und Regenbogenfamilien in der Gesellschaft voll akzeptiert sind. Dass auch ein Schwuler selbstverständlich sich dafür entscheiden kann, Kinder zu haben. Dass wir die Diskriminierungen überwunden und das bisher Erreichte nicht verloren haben. Wir sehen gerade in Ländern wie Ungarn, Slowenien oder der Türkei, dass es auch Rückschritte gibt.

Interview: Jan Borer, Hansjörg Schmid

Mittwoch, 15. Dez 2021

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Zur Person

Roman Heggli ist Geschäftsleiter von Pink Cross, der Dachorganisation der schwulen und bisexuellen Männer in der Schweiz.

Was ist LGBTQ?

LGBTQ ist eine Sammelbezeichnung für Personen, die nicht heterosexuell sind, respektive deren Geschlechtsidentität nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht. Die Buchstaben stehen für die englischen Begriffe Lesbian (lesbisch), Gay (schwul), Bisexual (bisexuell), Transgender (trans) und Queer (umfassender Begriff).

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