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„Wir müssen unserer Verantwortung für Mensch und Schöpfung gerecht werden“

Der Mensch ist drauf und dran, eine künstliche Intelligenz zu schaffen, die uns bald übertreffen und das Universum beherrschen soll. Dabei schlüpft er vermeintlich in eine gottähnliche Rolle. Der Professor für theologische Ethik, Peter G. Kirchschläger, warnt davor, die Verantwortung gegenüber Gott und der Schöpfung zu vernachlässigen.

Sie fürchten, dass die soziale Ungerechtigkeit mit der Digitalisierung zunimmt. Warum?

Eine Kernkonsequenz des digitalen Wandels wird sein, dass immer weniger Menschen an einer effektiveren und effizienteren Wertschöpfungskette teilhaben werden. Man beobachtet heute schon, dass mehr und mehr Menschen aus diesen Prozessen verdrängt werden.

Diverse Studien kamen aber zum Schluss, dass Automatisierung nicht notwendigerweise weniger Arbeit bedeuten muss. Sie schafft ja auch Stellen.

Ich gehe davon aus, dass mehr Stellen zerstört als geschaffen werden. Es gibt nämlich zwei entscheidende Unterschiede zu anderen Wandelepochen. Zum einen haben wir es mit selbständigen Systemen zu tun. Die Unabhängigkeit von menschlichem Input ist grösser als bei bisherigem technologiebasiertem Wandel. Zum anderen lautet die Leitidee diesmal nicht, dem Menschen die Arbeit zu erleichtern, sondern ihn aus dem Arbeitsmarkt zu drängen und so Kosten zu reduzieren.

Wie kann und soll man dem entgegen wirken?

Ich sehe noch nicht, dass in Bezug auf das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem Veränderungen aufgegleist sind, welche dieser Entwicklung Rechnung tragen.

Was muss man jetzt also tun?

Man muss die Rahmenbedingungen für diese Veränderungen schaffen. Die Gesellschaft muss sich überlegen, wie sie das Verhältnis von bezahlter zu unbezahlter Arbeit organisieren will, respektive wie sie ein menschenwürdiges Lebens gewährleistet, das nicht an bezahlte Arbeit gekoppelt ist.

Womit wir beim bedingungslosen Grundeinkommen sind. Was halten Sie davon?

Das ist eines der Modelle. Ich favorisiere eine Lösung, welche das bedingungslose Grundeinkommen substanziell ergänzt. Es besteht nämlich die Gefahr, dass man beim bedingungslosen Grundeinkommen „nur“ die Existenzsicherung im Fokus hat. Ebenso wichtig ist mir die Sicherung eines menschenwürdigen Daseins. Der Mensch soll sein Leben selbstbestimmt gestalten können. Eine zweite Ergänzung sehe ich darin, dass von jedem ein Beitrag für die Gesellschaft erwartet wird – in Analogie zum heutigen Zivildienst in der Schweiz. Was er genau tut, soll jeder Mensch selbstbestimmt wählen können. Diese Ergänzung versucht, die Aspekte Sinnstiftung, soziale Integration und die Förderung von Innovation und Unternehmertum zu berücksichtigen. Befreit vom Dienst könnte werden, wer einen Beitrag zur Innovation, zum Unternehmertum oder zur Wissenschaft leistet.

Was können konkret die Kirchen tun?

Sie haben zwei zentrale Aufgaben. Einerseits können sie eine Stimme sein im Diskurs über die Veränderung des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Sie haben die ethische Kompetenz dazu. Andererseits können sie die Menschen begleiten, wenn sie sich mit den Fragen der Sinnstiftung neu auseinandersetzen. Ein grosser Teil dieser Sinnstiftung läuft ja über die Arbeit.

Roboter werden bald zu unserem Alltag gehören, und die künstliche Intelligenz macht Riesenschritte. Der Mensch ist (auch) von der Moral gesteuert, die Maschine aber von einem Programm. Muss aus Ihrer Sicht den Maschinen eine Moral eingepflanzt werden, wenn diese immer selbständiger werden?

Es ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen, dass er moralfähig ist. Diese Fähigkeit spreche ich den Maschinen ab. Klar können und sollen wir sie so programmieren und trainieren, dass sie moralischen Richtlinien folgen. Aber deswegen sind sie noch nicht moralisch. Dies aus zwei Gründen: Erstens können sie die Regeln nicht selber setzen und sie auf ihre Verallgemeinerbarkeit – eine Grundvoraussetzung für moralische Regeln – überprüfen. Daher bleiben sie zweitens in letzter Konsequenz fremdbestimmt, sie sind nicht frei wie die Menschen.

Die modernen Systeme werden ja zunehmend selbstlernend, und es ist vorstellbar, dass sie sich komplett verselbständigen und von den Menschen unabhängig werden. Wissenschaftler wie die Professoren Jürgen Schmidhuber oder Nick Bostrom gehen genau davon aus. Wenn die Maschinen jedoch nicht moralfähig sind, würde die Welt ja ein ganzes Stück unmoralischer.

Wir müssen uns bewusst sein, dass diese Gefahr besteht. Die Maschinen, respektive künstlichen Intelligenzen, können sich ja jederzeit gegen die Menschen richten bzw. auch jederzeit entscheiden, die einprogrammierten bzw. eingeübten moralischen Prinzipien nicht mehr anzuwenden.

Wie kann man verhindern, dass es so weit kommt?

Wir müssen heute einen normativen Rahmen setzen, welchen die Maschinen nicht umstossen können. Es könnte vielleicht ähnlich umgesetzt werden wie bei den Selbstbeschränkungsmassnahmen im Bereich der Nukleartechnologie. Dort ist es einigermassen gelungen zu verhindern, dass nicht alles gemacht wurde, was technisch möglich wäre.

Die Menschen werden zunehmend durch technische Bestandteile optimiert – z.B. durch implantierte Chips oder künstliche Skelette. Wenn Mensch und Maschine verschmelzen, entstehen so genannte Cyborgs. Pfuschen wir Gott damit nicht ins Handwerk?

Man muss unterscheiden. Es gibt Elemente im Bereich der assistierenden Technologien, welche dem Individuum mehr Selbstbestimmung ermöglichen. Ich denke da hier z. B. an ältere Menschen oder an Menschen mit einer Behinderung, denen solche Systeme einen Dienst erweisen können. Aus ethischer Sicht ist das zu begrüssen. Selbst in einem solchen Fall gilt es aber, gleichzeitig aus ethischer Sicht, die Risiken hinsichtlich des Datenschutzes und des Rechts auf Privatsphäre nicht ausser Acht zu lassen. Zudem wird es inakzeptabel, wenn die Menschenwürde verletzt wird. Grundsätzlich stellt sich immer die Frage, wie weit der Mensch gehen darf. Wie weit kann er die Verantwortung für das übernehmen, was er tut? Wie weit ist er sich der Konsequenzen bewusst? Die Verantwortung wird er nie an die Maschine abschieben können, sie bleibt beim Menschen.

Brauchen wir auch hier Selbstregulierungsmassnahmen?

Ja, und wir müssen dazu unsere rechtsstaatlichen Instrumente besser nutzen. Wir müssen grundsätzlich nichts Neues erfinden, sondern können auf existierende Standards zurückgreifen, wie die Menschenrechte, und sie besser durchsetzen. Allenfalls müssen wir sie anpassen, um sie noch wirksamer zu machen.

Die erwähnten Wissenschaftler Jürgen Schmidhuber und Nick Bostrom glauben, dass wir künstliche Intelligenzen schaffen werden, welche die menschliche übertreffen und in Zukunft ins Universum vordringen und dieses beherrschen werden. Erhebt sich da der Mensch nicht selbst zum Schöpfer und spielt Gott?

Meines Erachtens sind wir uns noch zu wenig bewusst, was dies für die Menschheit bedeuten würde. Der Mensch muss sich überlegen, was er in Bezug auf sein Selbstverständnis als Mensch tut. Was passiert, wenn wir Intelligenzen entwickeln, welchen wir so egal sind wie uns die Ameisen?

Dieses Ameisen-Beispiel bringt auch Jürgen Schmidhuber, um daraus abzuleiten, dass uns diese Intelligenzen nicht versklaven oder zerstören würden. Ihm scheint es aber egal zu sein, wie uns diese Intelligenzen betrachten.

Mir ist dies gerade nicht egal. Denn dies kann Menschenleben und der Menschenwürde aller Menschen gefährlich werden. Wir haben die Verantwortung vor allen Menschen und auch vor zukünftigen Generationen. Wir dürfen nicht in eine Rolle kommen, die uns nicht zusteht. Wir müssen unserer Verantwortung für alle Menschen und für die Schöpfung gerecht werden. Meine Sorge ist auch, dass die Menschen für Formen künstlicher Intelligenz die Relevanz verlieren.

Warum haben wir denn überhaupt diese Verantwortung?

Theologisch betrachtet würde ich sagen: Der Mensch wurde als Ebenbild Gottes geschaffen. Gott hat den Menschen die Verantwortung übertragen, in seinem Namen auf Erden zu wirken – im Verhältnis zu den anderen Menschen und im Verhältnis zur Schöpfung.

So genannte Transhumanisten forschen daran, den Tod zu überwinden. Damit will man die göttliche Ordnung quasi austricksen. Was meinen Sie als Theologe dazu?

Ich finde es nicht realistisch, dass wir den Tod, respektive die Endlichkeit des Menschen, überwinden können. Wir sollten uns nicht selber überhöhen und dies glauben. Meines Erachtens wäre es eine dringlichere Aufgabe für die Forschung, allen Menschen ein Überleben und ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Wird Gott solches Treiben zulassen?

Gott hat die Menschen in Freiheit und Selbstbestimmung geschaffen. Dies kann zu Entscheidungen und Handlungen führen, die ethisch problematisch sind. Die Freiheit schafft die Möglichkeit zum ethisch Positiven oder Negativen. Ich glaube im Sinne der jüdisch-christlichen Tradition an einen guten und vergebenden Gott. Wir Menschen müssen selber die Verantwortung wahrnehmen; wir können diese nicht auf Gott abschieben.

Welchen Einfluss werden die geschilderten Entwicklungen auf den Glauben haben?

Wenn wir vor dem Hintergrund der Entwicklungen über das Menschenbild nachdenken, hat dies zur Konsequenz, dass wir auch über das Verhältnis zwischen Mensch und Gott und über das Glaubensverständnis nachdenken. In allen dieser drei Prozesse oder Ebenen bleibt das Entscheidende aber gleich – Gott. Auf der menschlichen Seite müssen allenfalls Anpassungen vorgenommen werden. Die Prozesse können, und das ist meine Hoffnung, auch dazu führen, dass das, was den Menschen ausmacht, wieder mehr an Bedeutung gewinnt. Dadurch kann der Glaube bereichert werden. Wir werden uns vielleicht wieder stärker bewusst, wo es den Menschen braucht – sei es im Berufs- oder Privatleben.

Der Mensch fällt ja heute eher vom Glauben ab, respektive glaubt mehr an die Technik als an Gott…

Ich stelle nicht fest, dass die Religiosität rückgängig ist. Die institutionellen Formen der Religion werden aber vermehrt in Frage gestellt. Dies scheint mir jedoch relativ unabhängig zu sein vom technologischen Fortschritt. Die Funktion der Religion oder des Glaubens war nie, das zu erklären, was die Wissenschaft nicht kann. Die Religion stiftet Sinn und gibt Antworten auf Fragen wie: Warum gibt es den Menschen? Warum gibt es Leben? Wie soll ich mein Leben gestalten? Die Bedeutung dieses Bereichs wird gleich bleiben, wenn nicht sogar zunehmen, wenn der Mensch sich durch die technologische Entwicklung herausgefordert sieht. Er wird sich noch intensiver fragen müssen: Warum bin ich hier? Worin liegt der Sinn meines Lebens? Was fange ich mit meinem Leben an?

Wie weit sind diese Themen in den Kirchen angekommen, und wie nehmen sie Stellung dazu?

Da stecken die Kirchen meines Erachtens noch in den Kinderschuhen. Meiner Meinung nach sollten sich die Kirchen in den öffentlichen Diskurs und die politischen Diskussionen einbringen. Mir bereitet vor allem Sorgen, dass wir mit den notwendigen Veränderungen an unserem Gesellschaftssystem – insbesondere an unserem Wirtschaftssystem – zu spät sein werden, und dass es dann zu einer brutalen Übergangsphase kommt.

Wie sehen Sie die Rolle der Kirche?

Deren Aufgabe wird es sein, sich für die Menschenwürde und Freiheit aller Menschen, Gerechtigkeit, Solidarität und das Gemeinwohl einzusetzen. Sie wird sich zum Beispiel im Dienste der Chancengleichheit dafür stark machen müssen, dass alle Zugang zu künstlicher Intelligenz oder den Vorteilen der digitalen Transformation haben. Weiter wird sie sich engagieren müssen für die Überwindung der globalen Ungleichzeitigkeit. Momentan muss ein grosser Teil der Menschheit dafür leiden, die digitale Transformation überhaupt zu ermöglichen. Rohstoffe für die technische Revolution werden grossmehrheitlich unter menschenunwürdigen Bedingungen gefördert, und wir schauen alle weg. Das ist inakzeptabel! Weiter sollen die Kirchen die Menschen im kommenden Wandel begleiten, insbesondere, wenn sie davon überfordert werden. Nicht zuletzt ist es mir wichtig, dass in der Schule Fächer wie Religion und Ethik sowie Philosophie nicht zugunsten technischer Fächer heruntergefahren werden. Auch diesbezüglich kann sich die Kirche einbringen.

Gespräch: Hansjörg Schmid

Donnerstag, 14. Dez 2017

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«Es ist ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen, dass er moralfähig ist. Diese Fähigkeit spreche ich den Maschinen ab.

Wir dürfen nicht in eine Rolle kommen, die uns nicht zusteht.»
Peter G. Kirchschläger

Zur Person

Peter G. Kirchschläger ist ordentlicher Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Der Enkel des ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Rudolf Kirchschläger ist beratender Experte für nationale und internationale Organisationen und Institutionen, wie die UN, UNESCO, OSZE, EU oder den Europarat.

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