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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Künstliche Intelligenz

Werden wir als Krone der Schöpfung bald abgelöst?

Die künstliche Intelligenz (KI) ist da – und sie wird unsere Welt immer stärker beeinflussen. Ob und wie weit der Mensch durch die KI ersetzt wird, darüber lässt sich trefflich streiten. Die Experten sehen alle möglichen Szenarien auf uns zukommen.

„Er steht in den Sternen und sitzt auf dem Boden.“ Was würden Sie als Regisseur mit einer solchen Regieanweisung machen? Genau solche Sätze stehen im Drehbuch für den Science-Fiction-Film „Sunspring“. Kein Mensch hat es geschrieben, sondern eine künstliche Intelligenz (KI). Der kurze Film, in dem man als Handlung Fall eine Dreiecksgeschichte erahnen kann, wirkt unfreiwillig komisch und wirr. Die (grammatikalisch zum Teil abenteuerlichen) Dialoge, welche die KI kreiert hat, sind gemäss der Zeit Online „so zusammenhängend wie die Wahlkampfreden von Donald Trump, also mehr eine lose Abfolge zufälliger Äusserungen als kohärente Konversation“.

Nun ist dieser Film sicher nicht das beste Beispiel einer Anwendung von künstlicher Intelligenz. Diese funktioniert nämlich auf vielen Feldern verblüffend gut. Zum Beispiel basieren die Sprachassistenten auf den Smartphones auf künstlicher Intelligenz – und sie werden mit rasender Geschwindigkeit besser. KI kann aber auch Krebszellen bereits heute besser erkennen als Menschen. Ein anderes interessantes Feld ist die Gesichtserkennung. Menschen können Gesichter sehr gut lesen, Computer aber vielleicht noch besser. Sie können heute erkennen, ob jemand lügt, spielsüchtig ist, aufgeregt oder zu müde zum Auto fahren.

Wie sich künstliche Intelligenz genau definiert, erfahren Sie im Kasten. Mehr dazu finden Sie auch im Interview mit Jürgen Schmidhuber im Apunto 4/2017 und mit Karin Vey im Apunto 3/2016.

Künstliche Intelligenz macht Angst

Die Anwendungen der KI sind nicht nur äusserst vielfältig, sie können auch unheimlich mächtig werden. Mit einer perfekten Gesichtserkennung können nicht nur Verbrechen aufgeklärt werden, damit kann praktisch die gesamte Menschheit überwacht werden. War die Entwicklung der künstlichen Intelligenz zu Beginn äusserst aufwändig und mühsam, beschleunigt sie sich dank dem Mooreschen Gesetz und selbstlernenden Systemen exponentiell. Da liegt der Schluss nicht mehr fern anzunehmen, dass die künstliche die menschliche Intelligenz in wenigen Jahren oder Jahrzehnten erreichen und bald danach übertreffen wird. Was bedeutet das für die Menschheit? Werden dann die in vielen Science-Fiction-Romanen und –Filmen gemalten Horrorszenarien und Dystopien wahr? Vielleicht wird etwas ganz anderes kommen, aber der Gedanke, dass wir Menschen in Zukunft nicht mehr die intelligenteste Lebensform sind, kann schon Angst machen. Was ist, wenn uns die von uns selbst geschaffene künstliche Intelligenz versklavt oder sogar ausrottet? Genau davor warnen namhafte Wissenschafter wie Stephen Hawking oder Unternehmer wie Elon Musk. Der an der Universität Oxford lehrende schwedische Philosoph Nick Bostrom hat ein umfangreiches Buch („Superintelligenz“) mit darüber geschrieben, wohin genau sich die KI entwickeln könnte, was das für die Menschheit bedeutet und wie wir uns davor schützen könnten, von der KI beherrscht zu werden. Er scheint überzeugt davon zu sein, dass die KI in wenigen Jahrzehnten menschliches Niveau erreichen wird. Bostrom erwartet, dass es beträchtlich länger dauern wird, die Intelligenz einer Maus zu schaffen und dann die Intelligenz eines Schimpansen. Vielleicht würde es vom Schimpansen zum Dorftrottel nochmals so lange dauern wie von der Maus zum Schimpansen. Habe man aber den Dorftrottel erreicht, sei es nur noch ein kurzer Weg zu Einstein. Der Grund dafür sei, dass sich die KI zuerst auf einer flachen Kurve entwickelt, die dann aber immer steiler wird.

Ist Einstein einmal erreicht, könnte bald einmal die sogenannte Singularität eintreten. Gemäss Wikipedia wird darunter „ein Zeitpunkt verstanden, bei dem sich Maschinen mittels künstlicher Intelligenz (KI) rasant selbst verbessern und damit den technischen Fortschritt derart beschleunigen, dass die Zukunft der Menschheit hinter diesem Ereignis nicht mehr vorhersehbar ist.“ Bostrom spricht in diesem Zusammenhang von Superintelligenz, die er wie folgt beschreibt: [Ein]“Intellekt, der die menschliche kognitive Leistungsfähigkeit in nahezu allen Bereichen weit übersteigt“. Der Wissenschaftler sieht in dieser Superintelligenz eine grosse Gefahr, weil sie sich vom Menschen nicht oder kaum mehr kontrollieren lässt.

The Point of no Return

Weil sich die KI so stark exponentiell entwickelt erachtet es Bostrom als sehr wahrscheinlich, dass sich zu einem Zeitpunkt eine Intelligenz entwickeln wird, die alle Konkurrenten schlägt und ausschaltet. Diese Intelligenz nennt er Singleton. Sie würde dann die Welt beherrschen und später in den Weltraum vordringen. Der Professor geht davon aus, dass ein Singleton innert sehr kurzer Zeit, möglicherweise in Minuten, die Herrschaft erringen könnte. Gegen einen solchen Singleton hätten die Menschen nichts mehr auszurichten. Er hätte dank seiner Superintelligenz längst dafür gesorgt, dass wir keinen Stecker mehr ziehen könnten.

Was können wir also tun, damit uns diese KI nicht schadet? Wir könnten, so Bostrom, höchstens darauf hinwirken, dass uns diese Intelligenz wohlgesonnen ist und uns nützt. Auf mehr als 200 Seiten denkt er in unzähligen Szenarien durch, wie dies zu bewerkstelligen wäre, nur um zum Schluss zu kommen, dass es sehr schwierig werden wird. Gemäss ihm bleibt noch die Hoffnung, dass wir noch Jahrzehnte Zeit haben, das Problem zu lösen. Und vielleicht hilft uns ja sogar die künstliche Intelligenz dabei.

Karin Vey, Expertin für Innovationsmanagement in ThinkLab von IBM Research in Zürich, glaubt im Gegensatz zu Bostrom nicht, dass sich die selbstlernenden Computer so schnell verselbständigen. „Da sind wir nach dem heutigen Stand der Technik Lichtjahre davon entfernt“, sagte sie im Interview im Apunto 3/2016. Damit sich Systeme verselbständigen könnten, müssten sie gemäss der KI-Expertin so etwas wie Bewusstsein entwickeln. „Dazu müssten wir Menschen erst einmal verstehen, wie das Gehirn in seiner Tiefenstruktur funktioniert. Wir wissen aber in den heutigen Neurowissenschaften erst einen Bruchteil davon. Es wird noch Dekaden oder Jahrhunderte dauern, bis wir dieses Tiefenverständnis erreichen – wenn überhaupt.“ Denjenigen, die eine baldige Übernahme der Welt durch KI vorhersagen, wirft Vey ein „extrem reduziertes, minimalistisches Verständnis der Funktionsweise des Gehirns“ sowie mechanistisches Denken vor.

Professor Jürgen Schmidhuber, ein anderer KI-Experte, der ebenfalls in der Schweiz wirkt, glaubt zwar auch, dass die künstliche Intelligenz übernehmen wird, er schaut diesem Ereignis aber gelassen entgegen. Der wissenschaftliche Direktor des Forschungsinstituts IDSIA hat die moderne künstliche Intelligenz wesentlich mitgeprägt. Sein Ziel ist die Schaffung einer KI, die eine allgemeine Sicht auf die Welt hat und allgemeine Probleme lösen kann, nicht nur sehr spezielle. Angst vor einer solchen künstlichen Intelligenz hat er nicht, auch wenn sie klüger sein wird als die Menschen. Im Interview im Apunto 4/2017 sagt er: „Aber warum sollten KI denn ein Interesse haben, uns zu vernichten? Zwar wird der Mensch KI, die ihre eigenen Ziele verfolgen, langfristig kaum kontrollieren können. Aber wir dürfen hoffen, dass es kaum Zielkonflikte zwischen den KI und uns geben wird. Alle Wesen interessieren sich vor allem für ihresgleichen – Politiker für Politiker, Kinder für Kinder, Ziegen für Ziegen. Superkluge KI werden sich für andere superkluge KI interessieren. Aus der Perspektive einer KI wäre es auch unsinnig, Menschen zu versklaven, wenn sie viel schneller einen viel leistungsfähigeren Roboter bauen kann.“ Viel mehr als vor der KI fürchtet sich Jürgen Schmidhuber vor der Wasserstoffbombe. Damit hat er vielleicht nicht unrecht, wenn man bedenkt, dass Diktatoren wie Kim Jong Un darüber verfügen.

Leben wir in einer Simulation?

Der Film „Matrix“ brachte 1999 die Idee ins Spiel, dass unser Leben gar nicht echt, sondern nur eine Simulation sein könnte. Unsere Welt wäre nur virtuell. Was nach reiner Science-Fiction klingt, nimmt der erwähnte Elon Musk todernst. Er argumentiert damit, dass der technische Fortschritt bald dazu führe, dass Computerspiele bald nicht mehr von der Realität zu unterscheiden seien. Musk geht davon aus, dass die Menschheit, wenn sie die Möglichkeit der perfekten Lebenssimulation besitzt, diese auch millionenfach verwenden wird. Das würde bedeuten, dass es neben der wahren Realität Millionen von Simulationen davon gäbe. Musk folgert daraus, dass die Chancen, dass gerade wir in einem realen Szenario sind, sehr gering seien.

Musk ist mit diesem Glauben nicht allein Auch Nick Bostrom erachtet es als möglich, dass wir in einer Computersimulation leben. Im Silicon Valley finden sich wohl die meisten Menschen, die an die Simulation glauben. Es geht sogar das Gerücht, dass zwei Milliardäre von dort eine Gruppe von Wissenschaftlern eingestellt hätten, die uns aus der Simulation befreien sollten.

Der Psychologieprofessor Riccardo Manzotti und der Kognitionswisschenschaftler Andrew Smart mögen an solche Fantastereien nicht glauben. Sie sagen in einem Aufsatz, dass alles, was wir kennen, materiell sei. Simuliertes Wasser zum Beispiel könne nicht existieren. „Empirisch gesehen wird eine bessere Rechenleistung nicht dazu führen, dass Wasser aus Computerspielen zu Wein in einer simulierten Welt wird“, schreiben sie. Manchmal gebe es konzeptuelle Lücken, die durch stetige Verbesserungen nicht überbrückt werden könnten. Das Argument, dass die Menschen in Zukunft die Simulation zum Beispiel mit chemischen Geruchs- und Geschmacksstoffen so weit verbessern könnten, dass sie nicht mehr von der Realität zu unterscheiden sei, führt gemäss Manzotti und Smart in die Irre: „Dadurch würde die Vorstellung der Simulation zunichte gemacht werden, denn im Endeffekt würde man statt die Simulation eines Apfels einen echten Apfel erzeugen.“

Letztlich geht es um die Frage, ob Bewusstsein künstlich erzeugt werden kann. Nick Bostrom glaubt, dass simulierte Menschen bei Bewusstsein sein können, wenn die Simulation gut genug ist. Auch Jürgen Schmidhuber glaubt, dass KI über Bewusstsein verfügen: „Schon seit geraumer Zeit erlernen unsere KIs ganz nebenbei auch einfache Modelle ihrer selbst, verfügen also in diesem Sinne auch über (Selbst)bewusstsein“, sagt er im Apunto-Interview. Gleichzeitig betont er, dass das Bewusstsein aus seiner Sicht überschätzt werde.

Manzotti und Smart stehen einem Ansatz, der quasi eine Analogie zieht zwischen Gehirn und Computer, skeptisch gegenüber. „Auch wenn unser Gehirn Berechnungen durchführen kann, wird es dadurch noch lange nicht zu einem Computer“, halten sie fest. Letztlich wüssten wir nicht, ob ein Gehirn ein Computer sei und ob Berechnungen Bewusstsein erzeugten.

Götterfunke

Jürgen Schmidhuber, Nick Bostrom und andere sind überzeugt: Die künstliche Intelligenz wird uns Menschen nicht nur überflügeln, sondern auch als Krone der Schöpfung ablösen. Sie wird die Erde verlassen und ins Universum vordringen. Der Mensch ist gemäss Schmidhuber nur mehr „Steigbügelhalter des Universums zu höherer Komplexität“. Der grösste Teil der sich ausbreitenden „KI-Ökologie“ wird, nach anfänglicher Faszination am biologischen Leben, weitgehend das Interesse am Menschen verlieren.

Träfe dieses Szenario ein, dann wäre der Mensch selber zu einem Schöpfer und damit ein Stück weit zu einem Gott geworden. Allerdings, in den Worten von Jürgen Schmidhuber, „zu einem sehr beschränkten Schöpfer, der kaum begreifen und vorhersagen kann, welch fantastischer Weiterentwicklung er da den Weg ebnet“. Seine Schöpfung würde ihn interessanterweise weit übertreffen. Damit schafft sich der Mensch in einer Zeit, in der Gott allmählich abhanden zu kommen scheint, vielleicht wieder etwas, das er anbeten kann.

Hansjörg Schmid

Montag, 23. Okt 2017

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Definition von künstlicher Intelligenz

Wikipedia definiert künstliche Intelligenz wie folgt: „Künstliche Intelligenz ist ein Teilgebiet der Informatik, welches sich mit der Automatisierung intelligenten Verhaltens befasst. Der Begriff ist insofern nicht eindeutig abgrenzbar, als es bereits an einer genauen Definition von Intelligenz mangelt. Im Allgemeinen bezeichnet künstliche Intelligenz oder KI den Versuch, eine menschenähnliche Intelligenz nachzubilden, d. h., einen Computer zu bauen oder so zu programmieren, dass er eigenständig Probleme bearbeiten kann. Oftmals wird damit aber auch, besonders bei Computerspielen, eine nachgeahmte Intelligenz bezeichnet, womit durch meist einfache Algorithmen ein intelligentes Verhalten simuliert werden soll.“

Deep Learning, auf Deutsch etwa tiefgehendes Lernen, bezeichnet eine Klasse von Optimierungsmethoden künstlicher neuronaler Netze, die zahlreiche Zwischenlagen zwischen Eingabeschicht und Ausgabeschicht haben und dadurch eine umfangreiche innere Struktur aufweisen. In Erweiterungen der Lernalgorithmen für Netzstrukturen mit sehr wenigen oder keinen Zwischenlagen, wie beim einlagigen Perzeptron, ermöglichen die Methoden des Deep Learnings auch bei zahlreichen Zwischenlagen einen stabilen Lernerfolg.

Interview zum Thema künstliche Intelligenz

>> Lesen Sie im Apunto 4/2017 das Interview mit dem KI-Experten Professor Jürgen Schmidhuber (erscheint Mitte November 2017).