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Was hinter Fake News steckt

Passt jemandem eine Nachricht nicht, so ist schnell der Vorwurf zur Hand: Fake News! Was sind Fake News und was nicht? Wer steckt dahinter? Warum werden sie verbreitet? Was richten sie an? In diesem Beitrag klären wir die Hintergründe von Fake News auf. Im Beitrag «Wie man Fake News erkennt und was man dagegen tun kann» helfen wir dir, Fake News zu erkennen und dich davor zu schützen.

4. Dezember 2016.  Ein mit einem Gewehr vom Typ AR-15 bewaffneter Mann dringt in die Pizzeria Comet Ping Pong in Washington D.C. ein. Er will angeblich dort festgehaltene und missbrauchte Kinder im Keller befreien. Dabei gibt er zwei Schüsse auf ein Türschloss und einen Computer ab.

In der besagten Pizzeria gab es weder einen Keller noch missbrauchte Kinder. Warum kam dann der Täter auf die Idee, die Pizzeria zu stürmen? Er sass Fake News auf, die im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen 2016 über 4chan und Reddit verbreitet wurden, wonach in der Pizzeria ein Kinderpornoring agiere, in den auch die damalige Kandidatin Hillary Clinton verwickelt sei. Eine klassische Verschwörungstheorie, die den Namen «Pizzagate» bekam. Der Angreifer konnte festgenommen werden, verletzt wurde zum Glück niemand. Clinton wurde bekanntlich nicht gewählt – wie weit die Fake News einen Einfluss hatte auf das Wahlergebnis, darüber kann man nur spekulieren.

Ein (halb)wahrer Kern

Analysiert man die Hintergründe des Vorkommnisses, dann erkennt man: Die Verschwörungstheorie war nicht einfach pure Fantasie von jemandem, der Clinton schaden wollte. Gemäss Wikipedia stand der Besitzer der Pizzeria in E-Mail-Kontakt mit John Podesta, dem Wahlkampfmanager Clintons. Als Unbekannte illegal auf Podestas Mails zugegriffen und sie über WikiLeaks veröffentlicht hatten, meinten Nutzer der Website 4Chan, in gastronomisch alltäglichen Wörtern wie «Pizza» und «Sauce» Codewörter für «Mädchen» bzw. «Orgie“ zu erkennen – wie Pädophile sie im Internet nutzen würden. Die falsche Anschuldigung wurde auch mit dem Logo einer anderen Pizzeria aus demselben Häuserblock des Comet Ping Pong begründet. Es sehe einem Pädophilensymbol ähnlich.

Der Fall Pizzagate zeigt exemplarisch, dass Fake News häufig auf wahren oder halbwahren Begebenheiten beruhen, dann aber falsche Zusammenhänge konstruiert und falsche Behauptungen aufgestellt werden. Verschwörungserzählungen gehen nach dem Amerikanisten Michael Butter «davon aus, dass nichts durch Zufall geschieht, sondern alles geplant wurde». Sie behaupten, dass «alles miteinander verbunden ist» und nehmen an, dass «nichts so ist, wie es scheint».

Der Begriff «Fake News» ist erst seit einigen Jahren in aller Munde, aber Falschmeldungen gibt es seit Jahrhunderten. So brachte, wiederum gemäss Wikipedia, zum Beispiel der Prediger Bernardino de Feltr 1475 die Falschmeldung in Umlauf, Juden hätten ein zweijähriges Kind entführt, um dessen Blut beim Pessachfest zu trinken.

«Fake News hat es immer gegeben», sagt auch Catherine Gilbert, Faktencheckerin bei der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Sie weist aber darauf hin, dass sich etwas Entscheidendes geändert hat: «Mit den sozialen Medien kann jede und jeder Information verbreiten und innert kürzester Zeit ein Millionenpublikum erreichen. Durch diese Plattformen hat die Geschwindigkeit in den letzten Jahren stark zugenommen.» Wie genau Catherine Gilbert die Fakten checkt erfährst du im Interview (folgt).

Finstere Absichten

Der Ausdruck «Fake News» kommt aus dem Englischen und umschreibt das Phänomen präziser als das deutsche «Falschmeldung». Fake heisst nämlich «Fälschung» oder «Schwindel». Beim Fake wird etwas vorgetäuscht – und genau darum geht es bei den Fake News. Die Zeit-Journalistin Karoline Kuhla definiert Fake News denn auch als «im Stil an echte Nachrichten angelehnte, gezielt in die Welt gesetzte Unwahrheiten». Gemäss dem deutschen «Medium für digitale Freiheitsrechte», «netzpolitik.org», ist das Ziel von Fake News, «die Öffentlichkeit für bestimmte politische und/oder kommerzielle Ziele zu manipulieren». Der deutsche Thinktank «Stiftung Neue Verantwortung» weist darauf hin, dass die «Verbreitung von falschen oder irreführenden Informationen» dafür diene, «einer Person, einer Organisation oder einer Institution zu schaden».

Hinter der Verbreitung von Fake News steckt also eine Absicht. Im harmlosesten Fall will man etwas, was man selbst glaubt, anderen Menschen mitteilen. Vielen geht es aber darum, einen Haufen Geld zu verdienen – und sie nehmen dabei «Kollateralschäden» in Kauf. Im schlimmsten Fall ist die Absicht, Institutionen zu zerstören oder sogar Regierungen oder ganze Länder zu destabilisieren. Vorgeworfen wird letzteres zum Beispiel Russland, das mit Kampagnen über Social Media gezielt Einfluss auf westliche Demokratien nimmt.

Die Urheber*innen von Fake News sind je nach Zweck unterschiedlichste Personen oder Gruppierungen. Das Spektrum reicht von Esoteriker*innen über Verbrecher*innen bis zu Sekten und Regierungen.

Vom Clickbait bis zur Filterblase

Neben der Verschwörungstheorie gibt es die folgenden Auswüchse von Fake News: (zitiert auf der Basis von Infos der Website «Jugend und Medien – das Informationsportal zur Förderung von Medienkompetenzen»):

  • Clickbait-Webseiten: «To bait» bedeutet «ködern». Reisserische Überschriften und dramatisierte, übertrieben dargestellte Geschichten sollen die Aufmerksamkeit erregen und Klicks generieren, was letztlich die Werbeeinahmen steigert.
  • Hoaxes: «Hoax» ist Englisch und steht für Jux, Scherz. Im Unterschied zu anderen Fake News sind Hoaxes frei erfunden.
  • Satire: Satire arbeitet mit Über- oder Untertreibungen, Ironie und Spott, um Personen, Ereignisse oder Zustände zu kritisieren. Es ist eine Kunstform ohne böse Absicht, die aber nicht für alle immer erkennbar ist.
  • Social Bots/Trolle: Social Bots sind automatisierte Social-Media-Profile, die automatische Antworten und vorprogrammierte Informationen absenden. Manche täuschen eine menschliche Identität vor, um gezielt zu manipulieren. Andere sammeln einfach Informationen und leiten sie weiter. Wenn statt Social Bots echte Menschen eine solche Tätigkeit ausüben, spricht man von Trollen.
  • Filterblasen: Diese sind das Ergebnis der immer stärker personalisierten Information und Werbung im Internet. Es findet eine unbemerkt ablaufende, automatisierte Auswahl von Inhalten nach den Vorlieben der User statt. Dahinter stehen ökonomische Interessen, da unser Konsumverhalten so gesteuert wird.

Verbreitet werden Fake News über einschlägige Websites im Internet sowie sehr stark über Soziale Medien wie Facebook oder Twitter sowie Messenger-Dienste wie Telegram. Teilweise werden ganze Kampagnen geführt, zum Beispiel, um Wahlen zu beeinflussen. Solche Kampagnen, besonders abscheulich, können von Anbietern im Darknet gegen harte Währung bestellt werden.

Fake News überlisten uns

In einer 2018 in Science veröffentlichten Studie, die über 4,5 Millionen Tweets von rund 3 Millionen Usern auswertete, kamen Wissenschaftler zur Erkenntnis, dass sich falsche, vorwiegend politische Informationen auf Twitter mit wesentlich grösserer Reichweite und Geschwindigkeit verbreiten als wahre Informationen. Dies hängt damit zusammen, wie wir Menschen auf Nachrichten und Informationen reagieren. So suchen wir beispielsweise gezielt nach Informationen, die unsere Meinung stützen, solchen Informationen schenken wir eher Glauben. Auch was wir schon mehrfach gehört haben vertrauen wir mehr als Neuem und Fremdem. Manchmal packen uns Fake News einfach emotional. Kommt etwas optisch auffällig daher und ist reisserisch formuliert, schenken wir ihm mehr Aufmerksamkeit, als wenn es langweilig aussieht. Häufig machen wir uns zudem nicht die Mühe, News genau zu prüfen. All dies nutzen die Verbreiter von Fake News gnadenlos aus, um uns quasi zu überlisten und ihre Ziele zu erreichen. Im Kasten haben wir dir die rhetorischen Tricks der Urheber von Fake News zusammengestellt.

Die Anfälligkeit auf Fake News hängt auch von Faktoren wie dem Alter oder der politischen Einstellung ab.

Immenser Schaden

Die Folgen, die durch die Verbreitung von Fake News entstehen, sind mannigfaltig und können gravierend sein. So können Wahlen und Abstimmungen manipuliert werden. Der Nachweis dafür ist allerdings schwierig zu erbringen, da man ja nicht eruieren kann, wie weit einzelne Stimmbürger*innen durch Fake News beeinflusst wurden. Man weiss aber zum Beispiel, dass Social Bots bei der Bexit-Abstimmung oder den US-Präsidentenwahlen 2016 eine nicht unwesentliche Rolle spielten. So wurden 20% der Tweets im Präsidentenwahlkampf von Social Bots erstellt.

Man muss nicht unbedingt als Präsident*in einer grossen Nation kandidieren, um Opfer von Fake News zu werden. Es kann auch Journalist*innen treffen oder Wissenschaftler*innen. Aber auch Unternehmen oder die Börse. 2013 verursachte ein falscher Tweet über eine angebliche Explosion, bei der Barack Obama zu Schaden gekommen sein sollte, zu einem Börsenverlust von 130 Milliarden Dollar.

Eine weitere, sehr problematische Folge von Verschwörungsmythen, die gerade in der Coronakrise zu beobachten ist, ist ein in Bevölkerungen verbreitetes Misstrauen gegenüber der Politik, den Medien und der Wissenschaft.

Nicht zuletzt verlieren manche einen Haufen Geld oder gefährden ihre eigene Gesundheit, indem sie zum Beispiel fragwürdige Gesundheitstipps befolgen.

Fake News können also einen immensen Schaden anrichten. Darum sollte jede*r aufpassen, nicht aus Versehen selber Falschnachrichten weiterzuverbreiten. Dazu muss man sie aber erst mal erkennen und wissen, was man dagegen tun kann. Dies erfährst du im Beitrag «Wie man Fake News erkennt und wie man sie abwehrt».

Hansjörg Schmid

Donnerstag, 03. Mär 2022

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Die rhetorischen Tricks der Urheber von Fake News

Wer Menschen mittels Fake News manipulieren oder sie dazu bringen will, Geld für unnützes Zeug auszugeben, arbeitet mit einer Reihe fieser rhetorischer Tricks, um die Falschmeldung möglichst echt und wahr aussehen zu lassen. Hier eine Auswahl.

  • Die News spricht direkt die Emotionen an, sie löst zum Beispiel Wut oder Erbarmen aus.
  • Die News spricht direkt eine Angst oder Verzweiflung an und macht Heilsversprechungen.
  • Die News erklärt einen Zusammenhang, der in Wirklichkeit sehr komplex ist, auf einfache und scheinbar logisch nachvollziehbare Weise.
  • Die News gibt vor, auf wissenschaftlichen Fakten und Argumenten zu basieren, die einer Überprüfung zwar nicht standhalten, aber seriös klingen.
  • Einer Überprüfung der News wird prophylaktisch vorgebeugt. Zum Beispiel mit der Behauptung, die Wissenschaft und die Medien steckten alle mit unter der Decke (Stichwort «Lügenpresse»).
  • Die News stellt Fragen, die eigentlich eine Unterstellung beinhalten. Zum Beispiel im Zusammenhang mit Coronatests: «Die haben jetzt meine DNA, was machen sie damit?»
  • Die Fake News stellt Zusammenhänge her und zieht Schlüsse, die falsch sind (siehe dazu das Beispiel zum Thema Pizzagate im Haupttext). Achte darum auf Logikfehler oder darauf, ob Äpfel mit Birnen verglichen werden.