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Multitasking ist eine Illusion

Sie glauben, Sie können gleichzeitig telefonieren, mailen und eine Excel-Tabelle ausfüllen? Wenn Sie es noch könnten, es würde Sie ineffizient und krank machen.

„Ich multitaske jede Sekunde, die ich online bin. Im Moment schaue ich gerade fern, checke alle zwei Minuten mein Mail, lese in einer Newsgruppe darüber, wer John F. Kennedy erschoss, brenne eine CD und schreibe diesen Text.“ Dieses Beispiel eines Multitaskers zitiert der Psychiater und ärztliche Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm, Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, in seinem Aufsatz „Multitasking – Nein danke!“ in der Zeitschrift „Nervenheilkunde“. Der zitierte 17-jährige amerikanische Junge scheint ein Gehirn zu haben, das funktioniert wie ein leistungsfähiger, moderner Computer.

Der Begriff Multitasking stammt tatsächlich aus der IT-Welt und bezeichnet die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Aufgaben (englisch „tasks“) parallel auszuführen. In der Psychologie versteht man unter Multitasking gemäss Wikipedia „die Fähigkeit eines Menschen, mehrere Tätigkeiten zur gleichen Zeit oder abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten durchzuführen“. Also z. B. eine E-Mail zu verfassen und gleichzeitig einem Bericht zuzuhören.

Die Preisfrage lautet: Kann der Mensch tatsächlich wie ein Computer mehrere Aufgaben gleichzeitig ausführen oder mindestens so schnell hin- und herwechseln, dass es quasi gleichzeitig ist? Die Experten sind sich weitestgehend darin einig, dass dies nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Das menschliche Hirn funktioniert im Grundsatz seriell. Wir können uns zu einem bestimmten Zeitpunkt nur auf eine Aufgabe konzentrieren. Dies zeigte sich in einem Versuch, welchen die Universität Utah durchführte. Versuchspersonen sassen am Steuer eines Fahrsimulators und sollten während der Fahrt telefonieren. In einem weiteren Versuch sollten sie zusätzlich eine SMS verfassen. Das Ergebnis könnte eindeutiger nicht sein: Die Leistungsfähigkeit der Probanden sank um mindestens 40 Prozent. Gleichzeitig erhöhten sich deren Stresswerte erheblich. Die Fehlerquote war ähnlich hoch wie bei betrunkenen Fahrern mit einem Promillewert von 0,8! Auch die Universität Harvard führte einen Versuch durch. Sie testete die Multitasking-Fähigkeit ihrer Studenten und musste feststellen, dass deren Gedächtnisleistung teilweise auf die von achtjährigen Kindern abfiel. Macht Multitasking also dumm?

Multitasking schwächt uns

Der Psychiater Manfred Spitzer geht im erwähnten Aufsatz der Frage nach, wie uns Multitasking verändert. Er beruft sich unter anderem auf eine Studie der Universität Stanford, die höchst Interessantes zu Tage gebracht hat. Getestet wurde je eine Personengruppe, deren Angehörige zuvor als schwere repektive als leichte Multitasker identifiziert worden waren. Die Probanden sahen zwei rote Rechtecke für 100 Millisekunden, sollten sie für 900 Millisekunden memorieren und wurden dann aufgefordert, das Bild mit einem für zwei Sekunden dargebotenen Bild zu vergleichen. Sie sollten entscheiden, ob die Rechtecke in der gleichen oder einer anderen Orientierung abgebildet sind. Um die Aufgabe schwieriger zu machen, waren auf dem Bild auch null, zwei, vier oder sechs blaue Rechtecke zu sehen, als sogenannte Distraktoren, also Ablenker. Nun würde man annehmen, dass die starken Multitasker diese Aufgabe mit Bravour gelöst hätten. Das Gegenteil war der Fall. Die geringfügigen Multitasker konnten die Aufgabe gut lösen, unabhängig davon, wie viel zusätzliche Distraktoren vorhanden waren. Bei den schweren Multitaskern sank die Leistung mit zunehmender Anzahl Distraktoren aber signifikant. Manfred Spitzer schliesst daraus, und aus anderen Studien, die zum gleichen Befund kommen, dass Multitasker grössere Schwierigkeiten haben, irrelevante Reize aus der Umgebung oder ihrem Gedächtnis zu ignorieren sowie einer irrelevanten Aufgabe nicht nachzugehen. Multitasker würden sich Oberflächlichkeit und Ineffektivität antrainieren. Spitzer findet, dass sich der Mensch mit Multitasking keinen Gefallen tut. Multitasking verursache Stress. Dadurch könne sich sogar das Hirn verändern. „Wer keine Aufmerksamkeitsstörung hat, kann sie sich durch Multitasking antrainieren“, ist Spitzer gar überzeugt.

Die zwei Hirnhälften können sich zwei Aufgaben teilen

Ein wenig muss die oben gemachte Aussage, dass der Mensch nicht oder nur sehr schlecht multitasken kann, relativiert werden. Der schnelle Wechsel zwischen zwei Aufgaben kann nämlich gelingen, wie eine Studie des „institut national de la santé et de la recherche médicale“ in Paris zutage gebracht hat. Sie fand es mittels eines Tests, bei dem auch die Hirnaktivitäten gescannt wurden, heraus. Die Erklärung dafür: Unsere beiden Gehirnhälften teilen sich die Arbeit. Während die linke Hälfte die Motivation für die unterbrochene Handlung aufrechterhält, treibt die rechte Hirnhälfte die Ausführung der zweiten Aufgabe voran. Kommt allerdings eine dritte Aufgabe hinzu, gerät das Hirn ins Schleudern – mehr als zwei Hirnhälften gibt es ja nicht. Die Studie macht keine Aussage darüber, wie viel Stress die Aufgabe auslöste.

Auch Forscher des amerikanischen National Institute on Aging traten an, um zu beweisen, dass Menschen zwei Dinge gleichzeitig tun können. Sie liessen Gesunde und Kranke auf einem Hometrainer strampeln und gleichzeitig Knobelaufgaben lösen. Zu ihrer Überraschung traten die Probanden stärker in die Pedale, während sie Aufgaben bearbeiteten. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass man Körper und Geist gleichzeitig trainieren kann. Das ist sicher richtig, aber überhaupt nicht überraschend. Niemand, der joggt, denkt dabei an die Koordination seiner Beine, sondern an alles Mögliche. Die Forscher untersuchten mit dieser Studie etwas, das von den Psychologen gar nicht in Zweifel gezogen oder kritisiert wird: das Multitasking von Körper und Geist. Es funktioniert bestens, weil wir einfache, repetitive Bewegungen quasi automatisch steuern. Da können wir nebenbei problemlos auch denken. Was uns Menschen aber Schwierigkeiten macht, ist das sogenannte Medien-Multitasking, der gleichzeitige Umgang mit mehreren Medien (in unserem Beispiel Fernseher, Mail, Newsgruppe etc.). Hier setzt die Kritik von Spitzer & Co. an.

Arbeit organisieren und Ruhe bewahren

Trotz all der Erkenntnisse, die man aus den erwähnten Studien gewonnen hat, und trotz der Warnungen der Psychologen wird von Angestellten oft verlangt, dass sie viele Aufgaben parallel erledigen. In einer zunehmend digitalisierten Welt sind wir alle jederzeit und überall erreichbar, und viele Chefs und Arbeitskollegen erwarten sofortige Reaktionen. Um nicht in die Multitasking-Falle zu tappen, hilft nur eines: Man muss die einzelnen Aufgaben gut planen und sie dann in Ruhe hintereinander erledigen. Das ist leichter gesagt als getan. Es lässt sich aber erlernen, zum Beispiel im Kurs „Arbeitsorganisation und Zeitplanung“ der Angestellten Schweiz. Eine Reihe von weiteren Kursen befähigt Sie, mit Druck und Stress besser umgehen zu können (siehe Kasten).

Als Gegenteil von Multitasking kann man wohl die Achtsamkeit bezeichnen. Statt oberflächlich verschiedene Aufgaben mehr oder weniger gleichzeitig zu bearbeiten, richtet man seine Aufmerksamkeit ganz auf eine bestimmte Sache. Auch zu Achtsamkeit bieten die Angestellten Schweiz einen Kurs an.

Dienstag, 28. Mär 2017

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«Multitasker trainieren sich Oberflächlichkeit und Ineffektivität an.»
Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer

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Kurse zur Arbeitsorganisation:

>> Arbeitsorganisation und Zeitplanung

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