JavaScript ist in Ihrem Browser deaktiviert. Ohne JavaScript funktioniert die Website nicht korrekt.
Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Die digitale Revolution

„Mehr Jobs sind ersetzbar, als wir uns vorstellen“

Die Digitalisierung verändert alle Branchen, glaubt Karin Frick, Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Instituts.

Karin Frick Karin Frick

Karin Frick, Sie beschreiben in Ihrer neuen Studie „Die Zukunft der vernetzten Gesellschaft“, wie die Welt in der Zukunft aussehen könnte. Was bedeutet das für die Arbeitswelt?

Es gibt verschiedene Entwicklungen. Die digitale Revolution verändert alle Branchen. Die Unternehmen werden in Zukunft vorwiegend Software verarbeiten und nicht mehr Hardware. Die Arbeit wird sich entsprechend verändern. Ein einfaches Beispiel: Nestlé hat in Japan Läden eröffnet, in denen das Verkaufspersonal aus Robotern besteht. Damit braucht es kein Verkaufspersonal mehr. Aber es braucht Menschen, welche die Roboter programmieren. Die Arbeit verschiebt sich also in den technologischen Bereich.

Gibt es Jobs oder Arbeiten, die weniger gut ersetzbar sind als zum Beispiel diese Verkäufer?

Es sind viel mehr Jobs technisch ersetzbar, als wir uns heute vorstellen können. Mein eigener Job zum Beispiel, die Analyse, wird in Zukunft vermehrt durch Software erledigt werden. Die „voraussagenden“ Analysesysteme werden immer besser. Zum Beispiel im medizinischen Bereich. Es wird noch Menschen brauchen, aber wie viel diese noch arbeiten werden oder müssen, ist offen. Man wird sich in Zukunft fragen müssen, welche Arbeit wir an Roboter abgeben wollen. Den Verkauf vielleicht ja, die Babybetreuung eher nein. Es gibt wenige Arbeiten, die man nicht wenigstens teilweise durch künstliche Intelligenz oder Roboter ausführen lassen können wird. Sogar die Software werden die Computer in selbstlernenden Prozessen selber weiter entwickeln können. Damit werden Maschinen kreativ.

Das klingt danach, dass viele Menschen ihren Job verlieren werden.

Es ist absehbar, dass durch die Technik sehr viele Jobs ersetzt werden können. Es werden auch nicht alle Menschen zu Softwareentwicklern werden können. In den vorangegangenen wirtschaftlichen Revolutionen wechselten die Menschen in andere Sektoren: Zuerst von der Landwirtschaft in die Industrie, dann von der Industrie in den Dienstleistungsbereich. Bei der digitalen Revolution ist das anders. Es sind keine überzeugenden Antworten absehbar auf die Frage, was die Menschen, die den Job an die Maschinen verlieren, als Lohnarbeit machen werden.

Wie verdienen sie denn in Zukunft ihr Leben?

Das Einkommen wird in Zukunft nicht vorwiegend durch die Arbeit von Menschen, sondern von Maschinen erarbeitet werden. Dadurch muss das Einkommen anders verteilt werden. Statt Menschen werden dann wohl Roboter besteuert.

Könnte ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es von einer Initiative vorgeschlagen wird, in der Zukunft den Wohlstand für die breite Masse sichern?

Es wird auf jeden Fall neue Modelle dafür brauchen, wenn die Arbeit knapp wird. Das bedingungslose Grundeinkommen ist das am weitesten entwickelte Modell. Es kann verhindern, dass sich das Geld bei einer schmalen Elite konzentriert.

Was werden die Menschen tun, wenn sie nur noch wenig arbeiten?

Die Menschen werden tätig bleiben, aber eben nicht im Sinne von Lohnarbeit. Man wird dann vielleicht gärtnern – nicht als Geschäft, sondern weil man es gerne macht. Wir werden uns weiterhin fit und beweglich halten wollen und müssen – körperlich mit Sport, geistig mit Weiterbildungen. Wir werden uns auch mit Themen befassen, die uns interessieren. Generell werden wir Dinge tun, die wir gerne machen. Das ist die positive Variante. Die negative ist das Verelendungsszenario: Wir werden alle krank und depressiv werden, die Menschen werden durch Computerspiele betäubt und beruhigt. Es kommt zu einem körperlichen und geistigen Zerfall der meisten Menschen.

Wer wird vom technischen Fortschritt profitieren, wer wird verlieren?

Im optimistischen Zukunftsmodell von Jeremy Rifkin (Angaben: Wer ist Rifkin!) werden sich Maschinen selber reproduzieren können und die Märkte werden lokal sein. Die Verlierer werden die grossen Hersteller von Massenprodukten sein. Die wird es nicht mehr brauchen, weil jeder fast alles selber vor Ort herstellen kann. Die Gewinner werden also die Kleinstproduzenten sein.

Jeremy Rifkin prognostiziert, dass die Grenzkosten für die Produktion von Gütern und von Energie gegen Null tendieren. Alles wird im Überfluss vorhanden sein und fast nichts mehr kosten. Die Umwelt wird geschont, Dinge werden geteilt und wenn sie kaputt sind rezykliert. Das klingt wie das Paradies. Wie beurteilen Sie Rifkins Modell der Zukunft?

Es ist radikal positiv, aber nicht unrealistisch. Die Maschinen und die Mechanismen, die er beschreibt, sind wirklich. Der 3-D-Druck wird die Wirtschaft in der Tat radikal verändern, weil er unabhängig macht von herkömmlichen Distributionskanälen und Produktionssystemen. Bei diesen profitierten vor allem die Grössten, beim 3-D-Druck ist diese Mechanik ausgehebelt. Wenn sich das so durchsetzt, wird man das Meiste, was man braucht, selber produzieren können. Die Menschen werden mit wenig Geld autonom leben können. Und es wird nicht ein asketisches Leben sein.

Das klingt, wie wenn alle Menschen auf der Erde nur gewinnen könnten…

Es werden auch in der Zukunft verschiedene Systeme nebeneinander existieren. Es gibt auch Szenarien, in denen die Macht zentralisiert wird, in denen die Menschen immer abhängiger vom System werden, in denen sie mit Unterhaltung ruhig gestellt oder sogar manipuliert werden.

Sie stellen in Ihrer Studie vier solcher Zukunftsszenarien vor. Nur eines davon – Dynamic Freedom – ist mit hohem Wohlstand und hoher Selbstkontrolle verbunden. Was braucht es, damit sich dieses Modell durchsetzt?

Dynamic Freedom ist ein technologiebasiertes Szenario, das bei den Leuten einen gewissen Unternehmergeist voraussetzt und ein Streben nach Autonomie. Bringen sie diese Eigenschaften mit, dann können sie mit wenig eigenem Kapital im neuen Netzwerk Ressourcen schaffen und Dinge selber produzieren. Finanziert werden diese Dinge kollektiv. Innovation wird sich in kleinen Strukturen und kleinen, kreativen Netzwerken abspielen.

Was ist, wenn die Menschen diesen Unternehmergeist nicht haben?

Dann könnte sich ein anderes Modell durchsetzen, das wir in unserer Studie Holistic Service Community nennen. Die Menschen vertrauen sich einem grossen Unternehmen an, das für sie schaut: Für ihre Weiterbildung, für genügend Ferien, für den alltäglichen Komfort.

Auf dieses Modell scheint es im Moment hinauszulaufen, wenn man sieht, welche Macht Google, Facebook, Apple oder Microsoft haben.

Diese Unternehmen versprechen ein bequemes Leben – zum Preis der Abhängigkeit. Dynamic Freedom verspricht mehr Freiheit, dafür muss aber wie gesagt der Unternehmergeist vorhanden sein.

Angesichts von Kriegen und Konflikten, von Klimaveränderung und Fundamentalismus auf der Welt: Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass sich das Modell Dynamic Freedom durchsetzt?

Wir haben ja auch heute verschiedene Modelle nebeneinander, z. B. China und Hongkong. Autoritäre Strukturen erstarren irgendwann – auch sie brauchen Erneuerung. Vielleicht setzt sich dann ein besseres Modell durch. Kreativität wird aber auf jeden Fall überall gefragt sein. Auch grosse Unternehmen wie Google brauchen sie.

Die Menschen werden in Zukunft noch viel stärker von Systemen (Computern, Robotern, Internet…) abhängig sein. Wie werden wir damit umgehen?

Unabhängig von Technik sind wir jetzt schon nicht! Wir kollabieren auch heute, wenn der Strom zusammenbricht. Es sei denn, man lebt wie die Amischen – als Selbstversorger nahe an der Natur und sehr bescheiden. Die Technik entwickeln wir ja, um unabhängiger von der Natur zu werden. Dafür werden wir allerdings von der Technik abhängig.

Was wird mit den Menschen passieren, die bei der neuen Weltordnung nicht mitmachen?

Man darf das nicht dramatisch sehen. Technologieverweigerer gibt es auch heute nur ganz, ganz wenige. Das wird sich nicht plötzlich verändern. Wir brauchen alle schon wesentlich mehr Technologie als unsere Grosseltern. Trotzdem kommt sie uns nicht fremd vor. Für die Kinder ist diese ganze Technik sogar ein völlig natürliches Umfeld. An die kommende Technik werden wir uns gewöhnen.

 

Interview: Hansjörg Schmid

Montag, 11. Mai 2015

Zurück zur Übersicht

Teilen: