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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Kultureller und wirtschaftlicher Austausch mit China

Go East

„China ist eine grosse Herausforderung. Wir sollten sie annehmen.“ Das ist Ruedi Nützis feste Überzeugung. Er ist Direktor der Hochschule für Wirtschaft an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW. Mit seiner Hochschule pflegt er seit über 20 Jahren einen regen Austausch mit China und hat dabei interessante Erfahrungen gemacht und viel Know-how gewonnen.

Was ist typisch schweizerisch, was typisch chinesisch? Ruedi Nützi will es vermeiden, diese Fragen mit Stereotypen zu beantworten. Er stellt dennoch einige fundamentale Unterschiede zwischen der Schweiz und China fest. Da ist zum einen die schiere Grösse von China im Vergleich zur kleinen Schweiz. „Es macht einen riesengrossen Unterschied, ob man als Individuum einer von 1400 Millionen ist oder einer von 8 Millionen“, sagt der Direktor der Hochschule für Wirtschaft FHNW in Olten. Das Leben gestalte sich ganz anders. Bei uns werde, und damit sind wir bei einem zweiten Unterschied, das Individuum betont, in China das Reich. „Der einzelne Chinese ist einer unter vielen, wir sind 8 Millionen Individualisten“, bringt es Nützi auf den Punkt. Daraus ergibt sich eine weitere gewichtige Verschiedenheit: Bei uns sind die Gesellschaft, die Wirtschaft, der Staat und die Wissenschaft weitgehend unabhängig voneinander, aber sie arbeiten zusammen. „In China ist das alles eins“, stellt Ruedi Nützi fest. „Das heisst Partei = Staat = Wirtschaft.“ Als vierten grossen Unterschied erwähnt der Professor die Sprache. Während die unsere direkt sei, sei die chinesische indirekt. Wer einen chinesischen Text lese, müsse ihn interpretieren, er erschliesse sich erst aus dem Kontext.

Kulturvermittlung

Die gebürtige Chinesin Fan Neifer war einige Jahre Ruedi Nützis Assistentin. Die Dozentin für Chinesisch betreut auch heute noch die Delegationen, die aus China an die FHNW kommen. Auch sie betont, dass in China alles auf die Grösse ausgelegt ist: „In China denkt man gross, man hat viele Ressourcen zur Verfügung. In der Schweiz fokussiert man auf Einzelheiten.“ Die Chinesen seien sehr stolz auf ihre Kultur, weiss Neifer. „Sie ist 5000 Jahre alt. China ist eines der vier alten Kulturländer. Die alte Kultur hat immer noch einen starken Einfluss auf die heutige Entwicklung in China.“ Die Kultur werde in China typischerweise nicht nur durch die Schule, sondern auch durch die Familie vermittelt. Brachte Neifer zum Beginn des Austauschs den Chinesen noch bei, wie man sich in der Schweiz verhält (zum Beispiel, wo man rauchen darf und wo nicht oder wie die Tischsitten sind), spricht sie heute mehr über die Werte und die Geschichte der Schweiz. „Es ist wichtig für die Chinesen, das zu verstehen“, sagt sie. So könnten sie die Reaktionen der Schweizer auf ihr Verhalten besser nachvollziehen, es gebe weniger Reibungen.

Die chinesischen Delegierten nehmen die Schweiz als Paradies wahr, hat Ruedi Nützi festgestellt. Nur schon, dass man in der Aare baden kann, sei für sie ein Wunder. Und dann erst die pünktlichen Züge, der soziale Friede, die Jobsicherheit…Für uns ist das alles selbstverständlich, für die Chinesen nicht. Besonders beeindruckt seien sie von der integrativen Leistung unserer Gesellschaft: Wir kommen mit vier Landessprachen zurecht, einem hohen Ausländeranteil und vielen eigenständigen Kantonen und Gemeinden.

Fan Neifer sagt, die Chinesen seien erstaunt darüber, dass man in der Schweiz verschiedene Meinung haben und auch äussern darf. Bei den Schweizern stellt sie einen Stolz auf ihre Werte und ihre Unabhängigkeit fest.

Für Geschäfte braucht es Know-how und den richtigen Partner

Wie kann es gelingen, mit den Chinesen Geschäfte zu machen? „Es reicht bei weitem nicht, einfach ein gutes Produkt, zum Beispiel eine wohlschmeckende Schokolade, zu haben“, stellt Ruedi Nützi klar. Vielmehr braucht es, wie Fan Neifer ausführt, „Partner, die das Know-how für das Geschäft haben.“ Man muss also zuerst einmal die richtigen Personen finden und ein Netzwerk aufbauen. Sonst könne ein Geschäft „schnell einmal daneben gehen“. Die Beziehungen aufzubauen geht nicht von heute auf morgen, da ist Geduld angesagt. Ruedi Nützi pflegte acht Jahre lang eine Beziehung zu einem chinesischen Kadermann, bevor er einen konkreten Vertrag über eine Zusammenarbeit unterzeichnen konnte. Diese Beziehung ist übrigens ebenso eine private wie eine geschäftliche. „Chinesen unterscheiden das nicht“, erklärt Nützi. Er hat für die FHNW mittlerweile ein umfassendes Netzwerk aufgebaut und viel Know-how über China gewonnen. Dieses Wissen und die Beziehungen kann er nun interessierten Schweizer Unternehmern gezielt anbieten.

Ruedi Nützi plädiert dafür, sich als Schweiz oder als Schweizer Unternehmer gegenüber den Chinesen nicht unter dem Wert zu verkaufen. „Man kann in der Schweiz etwas lernen, und das hat seinen Preis“, findet er.

Vorsicht ist angebracht

Professor Nützi rät Schweizer Unternehmern zu einer gewissen Vorsicht, wenn sie mit Chinesen handeln wollen. Man dürfe ihnen nicht zu weit entgegen kommen, sonst wollten sie immer mehr.

Die aktuell laufende Übernahme des Schweizer Unternehmens Syngenta durch ChemChina betrachtet Nützi skeptisch: „Wenn ein chinesisches Unternehmen Syngenta kauft, dann ist das die chinesische kommunistische Partei, die zentralistisch entschieden hat, den Betrieb aus strategischen Gründen zu kaufen“, ist für ihn klar. Das werde hierzulande unterschätzt. Es habe aber Auswirkungen, wie der Betrieb gelenkt werde: „Weil der Staat hinter ChemChina steht, wird die Syngenta nicht nach rein wirtschaftlichen und unternehmerischen Gesichtspunkten geführt werden. Es werden auch Interessen des Staates und der Partei einfliessen. Es wird zu Entscheidungen kommen, die für die Angestellten nicht nachvollziehbar sein werden. Die Partei wird sich nicht in die Karten blicken lassen.“

Für die Angestellten von Syngenta in der Schweiz ist die Übernahme durch ChemChina gemäss Nützi nicht unbedingt eine gute Nachricht: „Um was es wirklich geht ist, Know-how abzuziehen. Es wird der Tag kommen, an dem genügend Know-how in Peking ist.“ Das könnte dann das Ende für Syngenta in der Schweiz bedeuten.

Chinesen halten uns den Spiegel vor

Ruedi Nützi ist China gegenüber durchaus kritisch eingestellt. Trotzdem spricht er sich für ein „Go East“, einen Austausch mit dem Reich der Mitte aus – aus verschiedenen Gründen. „Die Chinesen sind ein guter Spiegel für die Schweiz“, findet er zum einen. „Sie zeigen uns, wie wir sind.“ Die grosse Herausforderung China sei aber auch anzunehmen, weil man das Land als Weltmacht einfach nicht ignorieren könne, ist er überzeugt. Und schliesslich helfe es unserem Land, wenn es aus der Komfortzone herauskomme: „Wenn wir sehen, was die Chinesen an der Schweiz gut finden, dann wird uns erst wieder richtig bewusst, dass wir daran arbeiten müssen, damit es so bleibt.“

 

Hansjörg Schmid

Montag, 29. Aug 2016

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„Man kann in der Schweiz etwas lernen, und das hat seinen Preis.“»
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Das Austauschprogramm der Fachhochschule Nordwestschweiz

Die Fachhochschule Nordwestschweiz bietet verschiedene Programme an, mit denen sich die Studierenden, aber auch Unternehmer aus der Region Olten mit Chinesischen Studenten oder Unternehmern austauschen und Beziehungen aufbauen können. Die Delegationen lernen dabei nicht nur Hochschulen und Unternehmen im jeweils anderen Land kennen, sondern erleben auch den Alltag.

Im Moment bestehen zwischen der FHNW und China 21 Partnerschaften. Drei sollen weiter ausgebaut und vertieft werden.