JavaScript ist in Ihrem Browser deaktiviert. Ohne JavaScript funktioniert die Website nicht korrekt.
Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Einsamkeit – die Epidemie unserer Zeit?

Noch nie war die Menschheit, dank der Digitalisierung, so vernetzt wie heute – und noch nie so einsam, wie es scheint. Besonders betroffen sind ausgerechnet die Digital Natives. Was läuft schief, was muss getan werden?

Der amerikanische Maler Edward Hopper schuf seine berühmtesten Werke vor 80 und mehr Jahren. Sie haben nichts von ihrer Aktualität eingebüsst – und gehören weltweit zu den beliebtesten Gemälden überhaupt. Warum ist das so, obwohl die realistisch gemalten Bilder leer, bedrückend, ja fast schon etwas unheimlich wirken? Diana Kinnert, deutsche Politikerin (CDU), Unternehmerin, Beraterin und Publizistin, hat eine einleuchtende Erklärung dafür: Hoppers Werke drücken wie keine anderen die Einsamkeit des Menschen in der Welt aus. Das berührt uns. Die Menschen auf Hoppers Gemälden wirken einsam und verloren, selbst wenn sie nebeneinander an der Bar sitzen – wie im Werk Nighthawks (Nachtschwärmer) von 1942.

Die 30-jährige Diana Kinnert hat den Wälzer «Die neue Einsamkeit» geschrieben. Auf über 400 Seiten geht sie dem Phänomen, ausgehend von ihrem eigenen Befinden, gründlich, sorgfältig und wissenschaftlich abgestützt auf den Grund. Die Einsamkeit vieler Menschen mag sich in der Coronakrise aufgrund der Kontaktverbote verschärft haben, aber die Pandemie ist keinesfalls die Ursache unserer Einsamkeit in der Welt – wie Kinnert eindrücklich aufzeigt. Es gibt sie schon viel länger und die Gründe dafür liegen beim Menschen, nicht beim Virus. Vielleicht müssen wir, und das ist nicht zynisch gemeint, Corona sogar ein wenig dankbar sein, dass das Thema Einsamkeit jetzt prominent auf unseren Radar gekommen ist.

Es trifft uns alle

Fühlen Sie sich (oft) einsam? Dann sind Sie in bester Gesellschaft – in einer Welt notabene mit bald einmal acht Milliarden Einwohnern (bis 2023 erwartet). Jede*r Dritte in der Schweiz fühlt sich gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan einsam, jede*r Zweite zwischen 15 und 24 manchmal bis dauernd, Tendenz steigend. Für Deutschland gibt Diana Kinnert in ihrem Buch 14 Millionen einsame Menschen an (von 83 Millionen). In Grossbritannien sind 13 Prozent der Bevölkerung von ihr betroffen. In Japan schliesslich haben 15 Prozent der Menschen ausserhalb der Familie überhaupt keinen sozialen Austausch mehr. Dort schliessen sich immer mehr Menschen gar in ihren Wohnungen oder Zimmern ein («Hikikomori»). Wer gerade nicht einsam ist, die oder den kann es leicht auch treffen, wenn sich die Lebensumstände ändern.

Interessanterweise zeigen Studien, wie z.B. eine globale der BBC mit 55 000 Teilnehmenden, dass Jüngere sogar einsamer sind als Ältere (abgesehen von den Hochaltrigen, die Partner und Freunde verloren haben). Auch ist die Einsamkeit in Städten verbreiteter als auf dem Land.

Wichtig ist: es gibt unterschiedliche Ausprägungen von Einsamkeit, die auch unterschiedliche Auswirkungen haben. Der Psychiater und Präsident des Stiftungsrats von Pro Mente Sana, Thomas Ihde, unterscheidet das Sich-Einsam-Fühlen vom Einsam-Sein aufgrund fehlender Sozialkontakte. Einsam fühlen (subjektives Empfinden) kann man sich auch in fröhlicher Runde mitten unter Menschen. Fehlen hingegen die Sozialkontakte, dann hat man keine Menschen um sich, ist objektiv einsam. Nicht verwechseln darf man Einsamkeit mit Ich-Zeit. Letztere dient dazu, Zeit für sich allein zu nehmen und Energie zu tanken. Sie macht gesund, während Einsamkeit krank macht.

Vielfältige Ursachen

Wie nur konnte es so weit kommen, dass die Einsamkeit zur Volkskrankheit wurde? Diana Kinnert beschäftigt sich in ihrem Buch intensiv mit den Ursachen. Man kann diese unterteilen in technische, politische und gesellschaftliche Gründe. Letztlich hängen aber alle zusammen. So leben wir in einer Leistungsgesellschaft, die politisch und gesellschaftlich so gewollt ist und die durch technische Errungenschaften gestützt wird. Leistung ist in der digitalen Welt sehr leicht messbar und wir bewerten einander dauernd auf Social Media. Dies macht uns, so Kinnert, zu Egoisten, die dauernd die Ersten sein wollen, was wir aber nie erreichen – jemand anderer ist stets vorne. Es entsteht eine Art Sozialdarwinismus – der Stärkste gewinnt. Interessant ist wie hart Kinnert als CDU-Politikerin mit der neoliberalen Ausprägung des Kapitalismus ins Gericht geht. Mit ironischem Unterton schreibt sie: «Wir sollten ein bisschen auf der Hut sein, wenn wir Neoliberalismus und Turbokapitalismus freien Lauf lassen. Es könnte Folgen haben. Für die Gesellschaft, für die Umwelt – und vielleicht sogar für unser aller Seelenwohl.»

Die Social Media spiegeln uns eine ideale Welt vor, die so gar nicht existiert. Wer postet schon Misserfolge oder Bilder von sich, auf denen man unvorteilhaft aussieht? Alles wird geschönt und gefiltert, alles auf jugendlich und aufgestellt getrimmt. Jede*r optimiert sich selbst. Auf der anderen Seite wird gedisst und gehatet, was das Zeug hält. Die Social Media, die häufig genau das Gegenteil von sozial sind, sind neben der Ablösung vom Zuhause und dem heute oft schwierigen Einstieg in die Berufswelt ein wichtiger Grund, warum gerade junge Menschen häufig einsam sind. Wie sollen sie der heutigen Welt genügen?

Zu schaffen macht uns, besonders den Jungen, dass Gewissheiten und Werte in unseren Gesellschaften erodieren oder bereits pulverisiert sind. Welches Unternehmen sieht sich noch verpflichtet, sichere und längerfristige Arbeitsstellen anzubieten? Stattdessen gibt es Praktika zum Tieflohn und befristete Stellen. Welche Arbeitnehmenden fühlen sich da noch zu Loyalität verpflichtet?

Welche Politiker*innen auf der anderen Seite fühlen sich noch dem Volk verpflichtet und nicht ihrer Ideologie, dem Geld oder irgendwelchen Interessengruppen? Wer gibt noch verbindliche Versprechungen ab – und hält sie auch ein? Lieber schmeisst man am nächsten Tag schon alles über den Haufen, denn «Change» ist das Gebot der Stunde, Disruption der neue Gott. Wie soll man sich in einer solchen Welt noch orientieren und Halt und Verwurzelung finden?

Eine Folge der Digitalisierung und des Überflusses an Informationen und Angeboten ist eine zunehmende Individualisierung sowie Fragmentierung, ja Atomisierung der Gesellschaft. Sie zerfällt in immer kleinere Gruppen und Grüppchen und es entstehen Filterblasen, in denen viele Menschen die Welt um sie herum gar nicht mehr richtig wahrnehmen und einordnen können. Das ist gefährlich.

Undine Lang, die Direktorin der Universitären Psychiatrischen Klinik der Stadt Basel, ortet als weitere wichtige Ursache für die neue Einsamkeit das Reissen von sozialen Netzen. Dies passiert zum Beispiel, wenn man arbeitslos wird und die Arbeitskolleg*innen verliert.

Gravierende Folgen

«Wir Menschen sind nicht zum Eremiten geboren», sagt Thomas Ihde. «Wir brauchen ein gewisses Mass an Stimulation. Wenn wir in Kontakt mit Menschen sind, gibt es Veränderungen auf hormoneller Ebene und auf der Ebene der Botenstoffe. Das alles ist gesundheitserhaltend.» Menschen sind soziale Wesen, gar Herdentiere. Wenn die sozialen Kontakte verkümmern oder gar wegfallen, verkümmert auch der Mensch.

Die Folgen der Einsamkeit sind denn auch gravierend. Sie ist, das ist wissenschaftlich belegt, so schädlich wie das Rauchen von 15 Zigaretten am Tag. Oliver Hämmig vom Institut für Epidemiologie und Prävention der Universität Zürich hat erforscht, was die Einsamkeit mit uns anrichtet. Seine Ergebnisse geben zu denken:

  • Starke Rücken-, Nacken- oder Schulterschmerzen sind bei hochgradig Isolierten fast dreimal so häufig wie bei gut Integrierten.
  • Die Zahl ambulanter Arztbesuche verdoppelt sich.
  • Das Risiko für starke Schlafstörungen liegt viermal höher.
  • Das Risiko für mittelschwere bis schwere Depressionen steigt um das Achtfache.

Diana Kinnert zitiert eine Metaanalyse (über 70 Studien, Aussagen von 3,4 Millionen Menschen) der Psychologin Julianne Holt-Lundstad von der Brigham Young University in Utah, die zu einem erschreckenden Schluss kommt: Die Sterbewahrscheinlichkeit steigt um 26 Prozent bei subjektiv empfundener Einsamkeit, um 29 Prozent bei objektiv beschreibbarer menschenvermeidender Einstellung und um 32 Prozent, wenn die Menschen allein leben.

Dies sind die gesundheitlichen Symptome, die die einzelnen Menschen betreffen. Einsamkeit macht aber auch die Gesellschaft als Ganzes krank: die Solidarität schwindet, Misstrauen breitet sich aus, ebenso Neid, die Scheidungsraten steigen. Dies bereitet den Boden für populistische Politiker*innen, Fake News und Verschwörungstheorien. Nicht zuletzt kostet ein epidemisches Ausmass an Einsamkeit die Volkswirtschaft einen hohen Preis: Arbeitskräfte fallen aus und die Gesundheitskosten steigen.

Ein Ministerium für Einsamkeit

Dass Einsamkeit als Makel und Tabu empfunden wird erschwert deren Bekämpfung. Darum ist es zu begrüssen, wenn auf höchster politischer Ebene etwas getan wird: Die britische Regierung hat das epidemische Ausmass der Einsamkeit in ihrem Land erkannt und ein Ministerium für Einsamkeit eingerichtet. Sie wurde dabei von Diana Kinnert beraten. Ein Beispiel einer Massnahme dieses Ministeriums ist ein Projekt in Zusammenarbeit mit der Post. Der Briefträger klingelt zweimal die Woche bei den Projektteilnehmenden, erkundigt sich nach dem Wohlbefinden und notiert, welche Unterstützung sie brauchen. Weiter unterstützt das Ministerium Personen, die sich für einsame Menschen engagieren.

Auch in Japan gibt es unterdessen ein Ministerium für Einsamkeit. Wäre dies auch etwas für die Schweiz? Thomas Ihde glaubt, dass die Situation hierzulande etwas anders als in Grossbritannien ist: «Das Gefühl der Vereinsamung ist in der Schweiz zwar auch sehr häufig. Aber Menschen, die ganz wenig soziale Kontakte haben, gibt es bei uns weniger als in England. Auch die Altersvereinsamung ist weniger ausgeprägt. Wir haben stärkere soziale Netze.» Weil sich diese Netze aber verändern, kann sich Ihde vorstellen, dass wir in Zukunft vielleicht Menschen auch institutionell unterstützen müssen.

Es ist sicher gut, dass die Politik etwas gegen die Einsamkeit tut und sich Organisationen wie Pro Mente Sana, Pro Senectute oder Pro Juventute sowie viele Menschen engagieren. Aber es reicht nicht. Bis jetzt ist es auf jeden Fall nicht gelungen, die Einsamkeit zu verbannen oder sie nur einzuschränken; sie breitet sich weiter aus.

Alle sind gefordert

Wir können nicht warten, bis sich die Situation von selbst bessert. Wie bei der Coronapandemie ist jede*r einzelne von uns gefordert, jede*r muss einen Beitrag leisten. Wir müssen zu einer Gesellschaft werden, in der Einsamkeit möglichst nicht entstehen kann.

Ausgerechnet die Coronapandemie hat uns aufgezeigt, wie es auch gehen könnte. Plötzlich gingen die Menschen wieder aufeinander zu und es entstanden spontan und unkompliziert Initiativen zur Nachbarschaftshilfe. Auch die Arbeitnehmenden und die Arbeitgebenden suchten und fanden gemeinsam Wege, die Krise zu bewältigen. Werte wie Solidarität und Loyalität blühten wieder auf. Die Social Media wurden plötzlich ihrem Namen gerecht und wurden wirklich für soziale Zwecke verwendet.

Kann es uns gelingen, dieses Engagement zugunsten unserer Mitmenschen in die Zeit nach Corona zu retten? Können wir wieder Intimität schaffen, wie sie sich Diana Kinnert vorstellt – im Sinne von Nähe zulassen, verbunden sein, sich auf andere einlassen, menschliche Wärme tauschen? Kann sich der moderne Mensch, der sich in Kinnerts Vorstellung «entmenschlicht» hat, wieder vermenschlichen? Können wir den Gemeinsinn wiederbeleben?

«Es erfordert die Neubewertung einer Weltanschauung», ist Diana Kinnert überzeugt. Sie möchte die Erforschung des Themas und eine richtige Debatte darüber. Den Gesundheitsbegriff müsse man einer Komplettreform unterziehen, es müsse ein Mental-Health-Zeitalter anbrechen. Der Widerstand gegen solche Bestrebungen seitens derer, die vom jetzigen Zustand profitieren, müsse gebrochen werden. «Es braucht neue Modelle der ökonomischen Partizipation», fordert die Christdemokratin. Und weiter: «Die Rückkehr zur sozialen Marktwirtschaft, einer wirtschaftlichen Ordnung, die in ein gesellschaftliches Wertesystem von Verantwortung und Verbindlichkeit eingebettet ist.» Dabei sollen auch die Arbeitnehmerorganisationen eine wichtige Rolle als Interessenvertreter der Arbeitnehmerseite spielen.

Das sind keine einfachen Lösungen, und Diana Kinnert bietet in ihrem Buch keine Patentrezepte an, um sie zu erreichen. Es ist aber klar, dass es wir selbst es sind, die aktiv werden müssen, denn die Gesellschaft sind wir alle. Es braucht keine Revolution, aber kleine und grosse Beiträge aller: Wir können uns für die Werte stark machen, die uns wichtig sind – wie Vertrauen, Ehrlichkeit, Treue, Nachhaltigkeit, Solidarität... Wir können Verantwortung übernehmen, wir können die Einsamkeit enttabuisieren und uns Zeit nehmen – um uns mit Menschen zu verbinden, um uns um andere Menschen zu kümmern. Wir können uns wehren gegen Entwicklungen und Manipulationen durch Social Media, die uns einander entfremden, uns isolieren, uns zu egoistischen Unmenschen machen. Nicht zuletzt können wir in einem demokratischen Land wie der Schweiz auch bestimmen, welche Politik(er*innen) wir wollen.

Auf einen Nenner gebracht: Wir müssen wieder einen Gemeinsinn entwickeln. Dann kann es, zusammen mit dem Engagement der Politik und von sozialen Institutionen, gelingen, Gemeinsamkeit statt Einsamkeit zu schaffen.

Hansjörg Schmid

Dienstag, 15. Jun 2021

Zurück zur Übersicht

Teilen: