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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Die Sonnen- und Schattenseiten der Sharing Economy

Teilen statt besitzen – das klingt vernünftig. Man kann Geld und Ressourcen sparen. Weil die Sharing Economy ganz neue Business-Modelle hervorbringt, könnten für Arbeitnehmende aber prekäre Zeiten anbrechen.

Ich besitze kein Auto. Trotzdem stehen mir in der Schweiz 2700 Fahrzeuge in neun Kategorien zur Verfügung. Vom Kleinwagen über den Kombi bis zum Transportvan kann ich bei Mobility alles haben. Für mich bringt Mobility nur Vorteile. Ich brauche keine Garage und muss mich nicht um die Autoversicherung kümmern. Da ich nicht sehr häufig fahre, kommt mich Mobility deutlich billiger zu stehen als ein eigener Wagen. Ich habe zudem ein gutes Gewissen, weil ich die Umwelt wenig belaste.

Geringe wirtschaftliche Bedeutung der Sharing Economy - noch

Mobility ist ein typisches Sharing-Economy-Unternehmen. Ausserhalb der Bereiche Transport, Übernachtung, Musik und Film steckt die Sharing-Bewegung gemäss der Credit Suisse aber noch in den Kinderschuhen. Die Bank hat ausgerechnet, dass der Anteil der Sharing Economy in der Schweiz lediglich bei einem halben bis einem ganzen Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung liegt. Das Potenzial ist jedoch riesig. Bjornar Jensen, Partner beim Wirtschaftsberater Deloitte, sieht in der Schweiz ein grosses Wachstumspotenzial für die Sharing Econmy. Er glaubt, dass sich diese Wirtschaftsform selber effektiv regulieren werde. „Die Reputation ist der Kern dieses Wirtschaftsmodells“, sagt er. Wer sich nicht korrekt verhalte, werde nicht lange überleben.

Ob die Sharing Economy die Wirtschaft ankurbeln oder eher bremsen wird, ist nicht so klar. Einerseits werden durch das Teilen weniger Güter benötigt. Gemäss einer Umfrage einer amerikanischen Uni ersetzt zum Beispiel ein gemeinsam genutztes Auto zwischen 9 und 13 Personenwagen. Auf der anderen Seite können tiefere Preise bei der Nutzung von geteilten Leistungen dazu führen, dass in anderen Bereichen mehr konsumiert wird.

Das vermehrte Teilen von Fahrzeugen wird die Autoindustrie stark zu spüren bekommen. Sie wird weniger Autos verkaufen, dadurch werden dort Arbeitsplätze verloren gehen. Gleichzeitig werden die Herstellungskosten pro Fahrzeug steigen, was wiederum die Preise für deren geteilte Nutzung in die Höhe treiben wird. Die Sharing Economy untergräbt damit ein Stück weit ihre eigene Grundlage.

Die Sharing Economy gibt und sie nimmt – dabei unterscheidet sie sich nicht von der herkömmlichen Wirtschaft. Sie eröffnet neue Geschäftsfelder und zerstört gleichzeitig alte. Uber ersetzt herkömmliche Taxibetriebe, Airbnb Hotels und klassische Bed & Breakfast. Die grosse Frage ist: Wird unsere Welt durch diese neuen Angebote besser oder schlechter? Die Antwort ist nicht eindeutig.

Vorteile für die Nutzer

Die Vorteile der Sharing Economy liegen auf der Hand und sie sind gewichtig. Sonst hätten sich neue Angebote wie Spotify, Uber oder Airbnb nicht so schnell und so flächendeckend durchgesetzt. Wer möchte nicht lieber bei einem freundlichen Paar in ähnlicher Lebenslage übernachten als in einem unpersönlichen Hotel, wenn es erst noch weniger kostet? Dank der Bewertung anderer Nutzer weiss man, welche Qualität man erwarten erwarten kann. Die Benutzung der Dienste ist bestechend einfach und meistens sehr zuverlässig.

Ungeschützte Leistungsanbieter

Die Nachteile der Sharing Economy stechen weniger ins Auge. Während Uber als Unternehmen das ganz grosse Geschäft macht,  sind die Arbeitsbedingungen der Fahrer prekär. Sie fahren ganz auf eigenes Risiko und haben keine soziale Absicherung. Wenn sie krank sind, verdienen sie nichts. Obwohl sie nicht angestellt sind, sind sie den Arbeitsbedingungen von Uber völlig ausgeliefert. Wenn das Unternehmen die Kommission, die sie pro Fahrt erhält, um einige Prozent nach oben drückt, bedeutet das für die Fahrer einen Einkommensverlust. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als mehr zu fahren, wenn sie gleich viel verdienen wollen.

Der Uber-Chef „Kalanick ignoriert Unklarheiten in den jeweiligen lokalen Gesetzen, lässt seine Uber-Fahrer erst mal von der Leine und geht dann mit den Behörden auf Konfrontationskurs“. So beschreibt Chanchal Biswas in der NZZ am Sonntag das aggressive Vorgehen von Uber. Kalanick ist damit aber äusserst erfolgreich. Sein Fahrdienst expandiert im Eilzugstempo rund um den Globus. Sein Konkurrent Lyft, der sich an die Gesetze hält, dümpelt in den USA vor sich hin.

Bei Airbnb wird ähnliche Kritik laut. Hoteliers, kürzlich auch in Basel, verlangen gleich lange Spiesse. In ihren Betrieben gelten viel strengere Regeln als in privaten Unterkünften, zum Beispiel was die Lebensmittelsicherheit oder die Massnahmen bei Feuer betrifft. Unklar ist oft auch die Frage, ob Airbnb-Gäste Kurtaxen entrichten müssen.

Nur ein cleverer PR-Begriff?

Die Sharing Economy hat zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen. Sharing Economy sei nur ein cleverer PR-Begriff, sagte der deutsche Internet-Experte Sascha Lobo gegenüber dem Beobachter. „Der Markt läuft als eine Auktion. Amateure unterbieten Profis.“ Doch diese Dumping-Konkurrenz privater Netzanbieter führe nicht ins Schlaraffenland, ist Lobo überzeugt.

Ebenso kritisch sieht es der US-Internetguru Jaron Lanier, der ebenfalls im Beobachter zu Wort kommt: „Wir erleben nicht den Beginn einer neuen Welt der Gemeinnützigkeit, sondern ihr Ende.“ Rechte, die über Generationen erkämpft wurden, würden durch Fake-Rechte ausgehebelt, die keinen Arbeitnehmerschutz bieten. Aus Angestellten würden Kleinstunternehmer, die schutzlos den Stürmen des Martks ausgesetzt sind. „Und das nützt nur ein paar Milliardären.“

Nüchtern betrachtet die Sharing Economy auch der Zukunftsforscher Scott Smith. Im Interview mit der Tageswoche sagt er: „Etwas zu vermieten oder zu verkaufen hat nichts mit „teilen“ zu tun. Wenn Sie mir Ihr Fahrrad ausleihen und dafür fünf Franken verlangen, teilen Sie Ihr Fahrrad nicht mit mir, Sie verkaufen mir eine Fahrt damit.“

Rahmenbedingungen neu setzen

Wir können die Sharing Economy nicht aufhalten. Sie hat sich auf einigen Gebieten durchgesetzt, weitere werden folgen. Ein Sturm auf die neuen Geschäftsmodelle bringt genau so wenig wie es 1832 der Sturm auf die Maschinen der Mechanischen Spinnerei und Weberei Corrodi & Pfister in Uster gebracht hatte. Die industrielle Revolution nahm trotzdem ihren Lauf.

Wir müssen uns als Gesellschaft aber gut überlegen, unter welchen Rahmenbedingungen die digitale Revolution, von der die Sharing Economy nur ein Teil ist, stattfinden soll. Die digitale Revolution könnte gemäss dem Soziophysiker Dirk Helbing in den nächsten zwei Jahrzehnten etwa 50 Prozent der heutigen Arbeitsplätze vernichten. Eine aktuelle WEF-Studie rechnet mit dem Verlust von fünf Millionen Jobs in den nächsten fünf Jahren. Die Arbeitnehmenden dürfen dieser Entwicklung nicht einfach schutzlos ausgeliefert sein. Es wird für die neuen Geschäftsmodelle und Märkte neue Regulierungen brauchen. Auch wenn Regulierung nicht liberal klingt: sie dient letztlich den Menschen.

Die Herausforderung für die Gesetzgebung wird darin bestehen, einen Rahmen zu setzen, welcher sowohl technologische Entwicklungen ermöglicht als auch die Arbeitnehmenden gezielt schützt. Oder um es mit dem Wirtschaftsinformatikprofessor Daniel Veit zu sagen: „Ziel muss es sein, eine Wirtschaftsordnung zu schaffen, bei der nicht einzelne einseitig profitieren, sondern die Gesellschaft als Ganzes – nur so kann ein langfristig tragfähiges Marktmodell entstehen. Wir müssen ein neues Wertegefüge in der digitalisierten Gesellschaft finden.“

 

Hansjörg Schmid

Dienstag, 26. Jan 2016

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Das ist Sharing Economy

Bei der Sharing Economy steht der Zugang zu einem Gut oder einer Leistung im Zentrum, nicht der Besitz. Dadurch kann ich als Konsument Geld und nicht zuletzt auch Platz sparen. Respektive ich kann Güter, die ich selber nicht benötige, anderen zur Verfügung stellen und damit Geld verdienen. Die Sharing Economy hat sich bisher in den Bereichen Transport, Übernachtung, Musik und Film etabliert. Erfolgreiche Beispiele sind Carsharing, Musikstreaming, Mitfahrbörsen oder die Vermittlung von privaten Unterkünften.

Mehr Infos finden Sie auf der Website von Sharecon, dem Verband zur Vertretung der Sharing Economy.

Frauen-Sharing in China

Sharing Economy der ganz schrägen Art: Bis 2020 werden in China rund 30 Millionen Frauen fehlen, weil Mädchen oft abgetrieben werden. Der chinesische Wirtschaftsprofessor Xiew Zuoshi schlägt den Männern ernsthaft vor, sich eine Frau zu teilen. Zumindest den armen Schluckern, die sich keine ganze leisten können beim knappen Angebot.