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Die digitale Revolution

Chancen auf friedfertigere Welt

Der Zukunftsforscher Georges T. Roos sieht die Zukunft der Arbeitswelt entspannt. Die Maschinen werden nicht so bald alles übernehmen und die menschlichen Eigenschaften werden wichtiger werden, ist er überzeugt.

Georges T.Roos Georges T.Roos

Georges T. Roos, an Outsourcing haben wir uns gewöhnt. Nun kommt auch das Robosourcing, die Auslagerung von Tätigkeiten an Maschinen. Maschinen und Algorithmen übernehmen immer mehr Aufgaben. Wann geht uns die Arbeit aus?

Die Arbeit verändert sich, aber sie geht meiner Meinung nach nicht aus. Wenn wir die Zukunft der Schweiz aus einer langfristigen Perspektive betrachten, sehen wir eine Verknappung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter auf uns zukommen und eine massive Zunahme von Pensionierten. Mit der angenommenen Zuwanderungsinitiative könnte sich die Situation noch verschärfen. Meine erste Sorge ist daher nicht, dass wir keine Arbeit mehr haben werden, sondern vielmehr, dass wir die Leute für die Arbeit nicht finden werden.

Wie wird der Wandel aus Ihrer Sicht ablaufen?

Die Schnittstelle zwischen Technik und Maschine wird sich verschieben. Die Maschinen dienten am Anfang dazu, die Muskelkraft zu ersetzen, dann dazu, die Geschwindigkeit zu erhöhen. Die Arbeit verschwand durch diese Entwicklung nicht, Jobs gab es weiterhin. Was sich aber veränderte, waren die Skills, was man können musste wurde anders.

Aber die Roboter ersetzen doch zunehmend Menschen.

Die Robotisierung wird natürlich viel verändern. In der Industrie funktioniert Robotik seit Jahrzehnten. Es gibt dort Fertigungsroboter. Als neue Entwicklung sehe ich das Vordringen der Roboter auch in den Service- und Dienstleistungsbereich. Damit sind verschiedene Dinge verbunden. Der Mensch und die Maschine werden sich den Interaktionsraum teilen. Der Industrieroboter ist ja heute noch abgegrenzt vom Menschen, nur schon aus Sicherheitsgründen. Ein Serviceroboter bewegt sich unter uns und mit uns. Ein Vorläufer kommt in einem Hotel im Silicon Valley als Butler zum Einsatz. Wenn Sie einchecken kann es sein, dass Sie der Roboter aufs Zimmer führt uns Ihnen später vielleicht einen Kaffee aufs Zimmer bringt. Solche Roboter werden in den nächsten zehn, zwanzig Jahren eine grosse Änderung bringen. Noch viel mehr Veränderung erwarte ich von dem, was IBM „cognitive computing“ nennt – populär ausgedrückt: künstliche Intelligenz. 2011 schlug der Rechner Watson dank künstlicher Intelligenz im bekannten TV-Wissensquiz „Jeopardy!“ zwei sehr erfolgreiche Kandidaten aus Fleisch und Blut. Watson versteht natürliche Sprache, bildet selber Hypothesen und kann diese überprüfen, und er lernt selbständig dazu. Watson ist mittlerweile vom Spielen zum Arbeiten übergegangen. Jeden Tag gibt es Meldungen von möglichen neuen Anwendungsgebieten. Eines davon ist die Medizin. 3000 amerikanische Hautärzte nutzen Watson für die Erstellung von Diagnosen. Diese Entwicklungen werden sehr bald zu einer Revolution der Tätigkeit von Ärzten führen.

Welche Berufe werden auch betroffen sein?

Man kann sich viele weitere Anwendungsgebiete denken: KV-Berufe, Rechtsanwälte, Controller. Eine Maschine hat die Daten blitzschnell analysiert. Speziell an der künstlichen Intelligenz ist: Sie ersetzt nicht mehr die Arbeit der klassischen Arbeiter, sondern die Tätigkeiten von „Weisskitteln“.

Was bleibt dem Menschen noch, wenn die Maschinen immer mehr übernehmen?

Eine Maschine kann einem Unternehmer x Strategien vorrechnen. Aber den Unternehmergeist, um eine Vision zu entwickeln hat sie nicht. Das verbleibt dem Menschen. Die Maschine kann auch alle Risiken und Chancen ausrechnen – aber die Verantwortung für einen Entscheid, eine Investition, die Einstellung von Personal kann sie nicht übernehmen. Die Maschinen werden wohl recht gut Emotionen simulieren können, aber selbst haben werden sie sie nicht. Ich glaube darum, dass die weitere Digitalisierung und Technisierung der Arbeitswelt dazu führt, dass die genuin menschlichen Eigenschaften immer wichtiger werden.

Ein Stück weit werden also die Menschen schon durch die Technik ersetzt. Was machen sie, wenn ihre Jobs verschwinden?

Ich gehe davon aus, dass der Produktivitätsfortschritt durch Maschinen zu einer Verkürzung der Arbeitszeit führen wird. Wer allerdings stehen bleibt und sich beruflich nicht weiter qualifiziert, wird es schwer haben.

Es gibt aber Szenarien, die besagen, dass es nur noch wenige Spezialisten brauchen wird, welche die Maschinen entwerfen und programmieren. Man sagt sogar, dass sich die Maschinen in Zukunft laufend selber verbessern und sich sogar selber bauen werden. Das sieht schon danach aus, dass der Mensch langsam überflüssig wird.

Das ist noch ganz weit weg. Natürlich kann ein Computer wie Watson selber dazu lernen, sich selber bauen kann er aber noch nicht. Es kommt ganz drauf an, welchen Zeithorizont Sie betrachten. Wenn Sie hundert Jahre vorausdenken möchten, wird es wahnsinnig spekulativ. In den nächsten 20 bis 30 Jahren werden die Maschinen noch nicht alles übernommen haben.

Heute stellt die Masse der arbeitenden Menschen Produkte her oder bietet Dienstleistungen an. Welche Arbeit wird in der Zukunft wichtig sein?

Sie haben zwei Sektoren genannt. Vielleicht kann man die Kreativwirtschaft als neuen Sektor sehen: Software, Design, Management der Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine. Wir werden weiterhin Produkte und Dienstleistungen brauchen. Innerhalb dieser Bereiche wird es aber Verschiebungen geben. Bei der Produktion wird die Entwicklung wichtiger und die Adaption an die Kundenbedürfnisse. Hier wird mehr Kreativität, mehr soziale Kompetenz gefragt sein.

Wie sieht die Zukunft von sozialen Jobs wie Pflege, Kommunikation etc. aus?

In der Pflege wird es eine gewisse Automatisierung geben. In Japan existieren zum Beispiel Haarwaschroboter. Das hat auch positive Aspekte: Das Pflegepersonal hat mehr Zeit für die Interaktion. Man kann eine Entwicklung immer als Horrorvorstellung betrachten oder als Segen. Nehmen wir das Beispiel der Ärzte. Eine künstliche Intelligenz ist besser in der Diagnose und der Entwicklung einer Therapie. Die Horrorvision ist, dass man als Patient zuerst durch eine maschinengeführte Triage muss und diese darüber entscheidet, ob ich überhaupt einen Arzt sehe oder nicht. Das würde die Tatsache völlig missachten, dass ein Heilungsprozess nicht nur eine Frage der richtigen Diagnose und der richtigen Medikamente ist, sondern auch der Beziehung zwischen Arzt und Patient. Die positive Version dieses Beispiels ist, dass der Arzt eine viel bessere Gewissheit hat, was dem Patienten medizinisch fehlt und eine viel sauberere Diagnose stellen kann. Dadurch kann er sich besser auf die weichen Faktoren wie das Gespräch konzentrieren.

Wie sehen die Arbeitsverhältnisse der Zukunft aus?

Was ich nicht zeitgemäss finde ist der Tausch Lohn gegen Zeit. Eigentlich müsste der Tausch Lohn gegen Leistung sein. Bezüglich der Arbeitsverhältnisse ist mehr Experimentierfreudigkeit gefragt.

Werden wir in Zukunft alle als Ich AG unsere Arbeitsleistung verhökern?

Ich sehe auch die gegenteilige Entwicklung. Wie ich erläutert habe erwarte ich eine Verknappung der Arbeitskräfte. Darum werden die Unternehmen versuchen, ihre Arbeitskräfte wieder mehr an sich zu binden. Die zum Beispiel mit Alumni-Programmen, die vormalige Angestellte auf interessante neue Stellen beim ehemaligen Arbeitgeber hinweisen. Die Arbeitsverhältnisse könnten also wieder verbindlicher werden und die Loyalität einen grösseren Stellenwert erlangen.

Eine Studie des GDI spricht davon, Maschinen einen Rechtsstatus zu geben und sogar davon, dass Maschinen Menschen einstellen könnten. Was halten sie davon?

Ich habe eine andere Studie gelesen, in der ein interessantes Experiment beschrieben ist. Es geht um die Zufriedenheit in der Zusammenarbeit zwischen zwei Menschen und einem Roboter. Die grösste Zufriedenheit der Menschen wurde erreicht, wenn der Roboter Chef war. Eine mögliche Erklärung dafür ist: Der Roboter verteilt die Aufträge ohne Emotionen und man kann ihn nicht schelten. Ich kann mir also vorstellen, dass Roboter Menschen einstellen. Verantwortung wird aber immer nur der Mensch übernehmen können.

Was sagen Sie den Menschen, die blanken Horror vor so etwas haben?

Ich rate ihnen, offen auf die Veränderungen zuzugehen. Es kommt ja nicht alles sofort und in vollem Ausmass. Man kann sich daran gewöhnen. Die Neuerungen sollen uns ja dienen. Sie sollen uns die Arbeit erleichtern und sie sicherer machen. Viele Menschen sind sich gar nicht bewusst, wie viel bereits da ist. Das selbstfahrende Auto ist für leidenschaftliche Autofahrer eine schreckliche Vorstellung. Nur: Moderne Autos sind heute schon weitgehend computerisiert. Das Auto macht vieles selbständig. Es berechnet zum Beispiel berechnet die optimale Bremsleistung. Oder es parkiert automatisch seitwärts ein.

Der Ökonom Jeremy Rifkin entwirf ein sehr positives Bild der neuen Sharing Economy, die auf uns zukommen wird. Gleichzeitig stellen wir fest, dass an vielen Orten auf der Erde die Konflikte zunehmen und sich religiöser Fundamentalismus ausbreitet. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass die Szenarien von Jeremy Rifkin wirklich eintreffen?

Ich bin ebenfalls überzeugt, dass die Sharing Economy ein wichtiger Teil unserer Wirtschaft wird, sehe darin aber vor allem eine soziale und weniger eine ökonomische Dimension. Ich glaube nicht, dass man ein grosses Kraftwerk mit der Sharing Economy herstellen und betreiben kann. Wenn wir ganz langfristig schauen, müssen wir etwas Weiteres beachten: Meines Wissen gibt es noch keine Wirtschaftstheorie, die von einer schrumpfenden Bevölkerung ausgeht. Das wird aber besonders in Europa der Fall sein. Die Frage wird sein, wie man Wohlstand sichern und halten kann. Vielleicht ist die Sharing Economy Teil der Lösung.

Welche Umwälzungen sehen Sie in den nächsten dreissig Jahren auf uns zukommen?

Ich sehe drei Bereiche, in denen sich massiv etwas ändern wird – so, wie die Informations- und Kommunikationstechnologie in den letzten 20 Jahren Umwälzungen bewirkt hat. Den ersten Bereich, die künstliche Intelligenz, habe ich bereits ausgeführt.

Der zweite Bereich ist die Gesundheit. Hier wird es zu einem neuen Paradigma kommen, was der Mensch unter Gesundheit versteht. Der Mensch wird seine Limiten erweitern mit Implantaten, mit Mensch-Maschinen-Schnittstellen, Exoskeletten etc. Die Analyse unseres Genoms kostet nicht einmal mehr 1000 Franken. Zudem können wir uns immer besser vermessen – und damit einen lückenlosen Aufschluss über unsere Gesundheitswerte erhalten.

Der dritte Bereich betrifft die Bevölkerung. 2030 wird jeder vierte Einwohner in der Schweiz über 65 sein. Weltweit ist der „peak child“ (die Höchstzahl an Geburten) bereits seit zehn Jahren überschritten. Die Bevölkerungszunahme in den nächsten Jahrzehnten wird der Lebensverlängerung fast überall auf der Welt geschuldet sein. China wird ein demografisches Problem haben – dort stagniert die Erwerbsbevölkerung bereits. Afrika wird noch wachsen, Europa schrumpfen.

 

Interview: Hansjörg Schmid

Montag, 11. Mai 2015

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