JavaScript ist in Ihrem Browser deaktiviert. Ohne JavaScript funktioniert die Website nicht korrekt.
Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Digitale Selbstvermessung

„Am Ende wird der Mensch zur Ware“

Dank digitaler Technologie können wir uns selbst bis ins Detail vermessen und unser Leben bald lückenlos dokumentieren. Was das mit der Gesellschaft und den einzelnen Menschen macht, zeigte der deutsche Professor Dr. Stefan Selke am 1. Juni im Zürcher Kaufleuten auf. Es droht eine neue Gleichschaltung der Bevölkerung.

Professor Dr. Stefan Selke Professor Dr. Stefan Selke

„Bisher war ein Schiff der schönste Ort, an dem ich ein Referat halten durfte“, sagte der vom KV Schweiz eingeladene Professor der Hochschule Furtwangen, „ab sofort ist es dieser Raum“. Der altehrwürdige, holzverkleidete Kaufleutensaal stellte einen wunderbaren Kontrast dar zum technisch-kühlen Thema des Abends: „Lifelogging“, oder auf Deutsch „digitale Selbstvermessung“.

„Selbstvermessung ist keine neue Erfindung“, stellte Selke gleich zu Beginn klar – und führte als Beispiel den Roman „Robinson Crusoe“ an. Robinson führte auf seiner einsamen Insel Soll-Ist-Listen. Darauf trug er ein, was er für den Tag zu tun gedachte und am Abend, was er effektiv getan hatte.

Irgendwann kam der Mensch auf die Idee, sich die Vermessung mit Geräten zu erleichtern. Das bekannteste Vermessungsgerät ist die Uhr. Sie hat einen enormen Einfluss auf uns Menschen, fast jeder richtet sich nach ihr. „Die Selbstvermessung ist eine Möglichkeit, der Gesellschaft gerecht zu werden, die gesellschaftlichen Normen zu erfüllen“, führte Professor Selke als wichtigen Grund an, warum wir unser Leben loggen.

Dachten sich noch vor 50 oder 60 Jahren Wissenschaftler komplizierteste Maschinen aus, um Daten zu sammeln und zu ordnen, wurde diese Aufgabe mit der Digitalisierung und modernen Speichermedien zum Kinderspiel. Dem Logging sind praktisch keine Grenzen mehr gesetzt. Wir können, wenn wir wollen, fast unser gesamtes Leben aufzeichnen. Bei Bedarf können wir es zurückspulen und nochmals neu erleben.

Vom Gesundheitsmonitoring bis zur digitalen Unsterblichkeit

Professor Selke unterscheidet sechs Stufen der digitalen Selbstvermessung:

  1. Präventives Gesundheitsmonitoring: Beispiele sind elektronische Fitnessarmbänder oder eine Gabel, die zu vibrieren beginnt, wenn man zu schnell isst.
  2. Kollaboratives Heilen: Kranke sammeln ihre Erfahrungen mit Therapien und Medikamenten und teilen sie mit anderen Betroffenen. So entsteht ein unabhängiger Austausch über die Wirkung von Medikamenten und Verhaltensweisen.
  3. Human Tracking – Vermessung des Ortes: Beispiele sind elektronische Fussfesseln, aber auch Socken mit Sensoren, um Demente oder Babies zu überwachen.
  4. Digitale Gedächtnisse: Die Auslagerung eines Teils des Gedächtnisses, um das menschliche Gedächtnis zu erweitern oder zu entlasten.
  5. Sousveillance: Das Gegenteil von Surveillance. Menschen machen sich völlig transparent, indem sie stets online dokumentieren, wo sie sind und was sie tun. Dies tun sie quasi als Prävention, um nicht überwacht werden zu müssen.
  6. Digitale Unsterblichkeit: Zum Beispiel die Programmierung von Avataren als Doppelgänger eines Menschen. Diese Avatare werden mit allen Daten des lebenden Menschen gefüttert. Der Mensch lebt dann nach seinem Tod digital weiter und Angehörige können mit ihm kommunizieren.

Warum tun die Menschen sich das an? Wenn Sie über 40 sind, werden Sie sich diese Frage schon längst gestellt haben. (Unter 30-Jährige stellen das Lifelogging viel weniger in Frage.) Professor Selke hat eine plausible Erklärung dafür: „Wir versuchen, die Welt kleiner zu machen. Grosse, globale Probleme wie der Klimawandel überfordern uns. Daher ziehen wir uns zurück auf die Massstabsebene des Beherrschbaren, auf unser privates Risikomanagement. Die digitale Selbstvermessung als Lebensbewältigung kommt uns da entgegen.“

Selke postuliert ein neues Kapital, das korporale, also körperliche Kapital. Der Körper werde zum Lifestyle-Produkt, zum Tempel. Das führt nach Selke zu einem Zwang, sich selbst zu optimieren.

Gefahr der Entsolidarisierung der Gesellschaft

Lifelogging ist zwingend mit dem Sammeln von (unendlich) vielen Daten verbunden. Diese Daten sind für Unternehmen wie Apple, Microsoft, Google oder Facebook ein wertvoller Rohstoff. Je mehr Daten sie über ein Individuum sammeln, desto genauer wissen sie, wie es sich verhält – ja sogar, wie es sich verhalten wird. Dieses Wissen können sie zu ganz viel Geld machen.

Das ist aber vielleicht noch das kleinere Problem. Worüber sich Professor Selke wirklich grosse Sorgen macht, sind die Veränderungen, welche das Lifelogging in der Gesellschaft auslösen kann. „Was ist, wenn jemand bei der digitalen Selbstvermessung nicht mitmacht?“ Dies fragte er in seinem Referat immer wieder. Er befürchtet, dass es zu Solidaritätsbrüchen in der Gesellschaft kommen könnte, wenn die Selbstvermessung zum Standard wird. Tendenzen seien bereits erkennbar. Selke nennt als Beispiel das Modell einer Krankenversicherung. Dieses sieht einen tieferen Tarif vor, wenn der Versicherte mit seinen Gesundheitsdaten nachweisen kann, dass er fit ist. Das ist für Sportbegeisterte ein Ansporn, diskriminiert aber unsportliche Menschen klar.

Stefan Selke anerkennt zwar die Vorteile, welche die digitale Vermessung für die einzelnen Menschen haben kann, er sieht aber die Gefahr, dass der Mensch digital versklavt wird. „Am Ende wird der Mensch zur Ware und empfindet es als Individualität“, warnte er. Um den Vortrag dennoch mit einer positiven Botschaft abzuschliessen, ermunterte der Professor die Zuhörer, sich nicht um jeden Preis zu optimieren. „Wir sind nicht auf der Welt, um perfekt zu sein.“

Montag, 08. Jun 2015

Zurück zur Übersicht

Teilen:

Buchtipp

Das Buch von Stefan Selke zum Thema: Lifelogging. Wie die digitale Selbstvermessung unsere Gesellschaft verändert. Econ 2014.

Lesen Sie mehr über die digitale Revolution:

>> Interview mit Karin Frick, GDI: Mehr Jobs sind ersetzbar, als wir uns vorstellen

>> Interview mit Zukunftsforscher Georges T. Roos: Chancen auf eine friedfertigere Welt

>> Apunto 1/2015: Die digitale Revolution