JavaScript ist in Ihrem Browser deaktiviert. Ohne JavaScript funktioniert die Website nicht korrekt.
Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Wie bringen wir mehr Frauen auf den Schweizer Arbeitsmarkt?

Seit kurzem hat die Schweiz nach drei Jahren wieder eine einigermassen ausbalancierte Frauenquote in ihrer Regierung. 2017 wurde Ignazio Cassis noch ohne grossen Widerstand mit dem Argument, die Repräsentation des Tessins im Bundesrat sei wichtiger als jene der Frauen, in die Regierung gewählt. Zwei Männer als Ersatz für die abtretende Bundesrätin und den abtretenden Bundesrat wären heute wohl nicht mehr kommentarlos akzeptiert worden.

Die letzten zwei Jahre waren nicht nur für die Schweiz wichtig, was die Mobilisierung von Frauen angeht. Gender Equality, Lohngleichheit und #MeToo sind Begriffe, welche in letzter Zeit die ganze Welt geprägt haben. Auch die Wirtschaft hat erkannt, dass es sich lohnt, in die Förderung von Frauen zu investieren. Laut Studien von OECD und McKinsey wirkt sich die Förderung von Frauen, und insbesondere von Müttern, positiv auf das Wirtschaftswachstum eines Landes aus. Kein Wunder also, investieren grosse internationale Firmen in Förderungsprogramme, die sich gezielt an junge Frauen richten.

Schweiz als Gleichstellungsentwicklungsland

Trotzdem ist die Schweiz weit von einer Geschlechtergleichstellung in der Wirtschaft entfernt: Wenn wir weitermachen wie bisher, wird es noch ungefähr 100 Jahre dauern, bis diese erreicht ist. Trotz allem Effort der letzten Jahre hat laut dem “Global Gender Gap Report” des World Economic Forum die Repräsentation von Frauen in der Politik sogar abgenommen, und auch ihre wirtschaftliche Partizipation ist im Verhältnis zu unseren Nachbarländern langsamer vorangegangen. Dabei hat die Schweiz ein hervorragendes Bildungssystem, die Arbeitslosigkeit ist entsprechend tief, die Wettbewerbsfähigkeit erreicht regelmässig Spitzenwerte und mehr junge Frauen als Männer schliessen in der Schweiz einen Hochschulabschluss ab. Wie ist es also möglich, dass die Schweiz im Verhältnis zu unseren Nachbarländern schlechter dasteht? Und, daraus folgend, welche Massnahmen könnten Abhilfe schaffen, um Frauen zurück auf den Schweizer Arbeitsmarkt zu bringen?

  • Frauenquoten: Frauenquoten haben seit jeher einen schlechten Ruf in der Schweiz, insbesondere in liberalen Kreisen. Es wird ihnen vorgeworfen, gut qualifizierte Männer durch schlechter qualifizierte  Frauen zu ersetzen, um die Gleichstellung der Geschlechter um jeden Preis zu erhalten. Nachdem aber in den letzten Jahren der Anteil der Frauen in Politik und Wirtschaft trotz etlichen Massnahmen abgenommen hat, sprechen sich heute sogar liberale Kreise für eine vorübergehende Frauenquote aus. Eine Studie aus Schweden hat zudem gezeigt, dass Frauenquoten, im Gegensatz zur weitverbreiteten Annahme, mediokre Frauen in Spitzenpositionen zu katapultieren und somit qualifizierten Männern den Job wegzunehmen, eher das Gegenteil bewirken: Mediokre Männer müssen qualifizierten Frauen das Feld überlassen, was zu einem allgemeinen Anstieg der Arbeitsqualität führt.
  • Kinderbetreuung und Pay-Gap: Jegliche Massnahmen auf dem Arbeitsmarkt sind nutzlos, wenn Frauen die Jobs nicht erst antreten können. Die Schweiz hat unter den OECD-Ländern die höchsten Kinderbetreuungskosten im Verhältnis zum Familieneinkommen. Diese sind teilweise so hoch, dass es sich für Familien lohnt, wenn ein Elternteil zuhause bleibt und die Kinderbetreuung übernimmt. Weil Frauen oft in typischen Frauenberufen wie Erziehung oder Pflege arbeiten, die im Vergleich zu typischen Männerberufen eher unterbezahlt sind, sind es oftmals sie, die auf ihre Karriere verzichten, um die Familie durchzubringen. Zudem erhalten Frauen nach wie vor in denselben Berufen mit denselben Qualifikationen weniger Lohn für die gleiche Arbeit. Dies wird nicht selten, und insbesondere bei den kleinen und mittelgrossen Unternehmen, mit dem Argument begründet, dass die Anstellung von Frauen mit erhöhten Kosten bei einem möglichen Ausfall während eines Schwangerschaftsurlaubes verbunden ist. Genügend bezahlbare und qualitativ gute Krippenplätze sind ein Muss, wenn man Frauen nach der Geburt ihrer Kinder zurück auf den Arbeitsmarkt bringen will.
  • Elternurlaub: Die Schweiz ist das einzige europäische Land, welches keinen Vaterschafts- oder Elternurlaub kennt. Dieses Ungleichgewicht der beiden Elternteile führt einerseits dazu, dass Frauen immer Gefahr laufen, weniger bezahlt oder nicht befördert zu werden, weil sie bei einem Mutterschaftsurlaub dem Arbeitgeber mehr Kosten verursachen. Andererseits fehlt Vätern mit nur einem gesetzlich vorgeschriebenen Tag bei der Geburt eines Kindes die Möglichkeit, sich in der Betreuung der Kinder einzubringen. Dabei haben Studien gezeigt, dass sich Väter, die sich bei der Geburt ihrer Kinder eine Elternzeit gönnen, nachhaltig um Kinder und Haushalt kümmern. Dies entlastet in erster Linie auch die Mütter: Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie der eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen kehren diese früher in ihren Job zurück, was zu einer höheren Erwerbsquote bei Frauen führt. Zudem erhöht ein angemessener Elternurlaub die Gesundheit der Babys, weil sie länger gestillt werden, sowie die Zufriedenheit von Frauen am Arbeitsplatz. Doch auch der Mutterschaftsurlaub ist in der Schweiz verhältnismässig tief: Mit 14 Wochen und keiner Option, schon vor der Geburt Urlaub zu nehmen, erfüllt das Land gerade mal den Mindeststandard der Internationalen Arbeitsorganisation.
  • Umverteilung der unbezahlten Care-Arbeit: Frauen übernehmen nach wie vor den Grossteil der Arbeit zuhause, unabhängig davon, ob sie berufstätig sind oder nicht. Dazu gehören nicht nur der Haushalt sowie die Betreuung der Kinder, sondern auch die Betreuung von anderen Familienmitgliedern wie betagte Eltern oder Grosseltern. Dies führt zu einer hohen Doppelbelastung von erwerbstätigen Frauen und dazu, dass sie sich je nach familiären Umständen gegen eine Karriere entscheiden. Ohne Umdenken, was traditionelle Rollenmuster anbelangt, und ohne richtige Umverteilung der notwendigen Care-Arbeit zwischen den Geschlechtern, fallen Frauen spätestens, wenn sie Mutter werden, in traditionelle Rollenmuster zurück.

Folgen wir dem guten Beispiel der Nachbarländer!

Um den Anteil an  Frauen in der Arbeitswelt zu erhöhen, genügen Förderungsprogramme für junge Frauen nicht. Spätestens, wenn sie Kinder bekommen, führt die Doppelbelastung zu deren Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt. Dabei fallen in der Schweiz im Vergleich zu anderen europäischen Ländern insbesondere die fehlende und teure Kinderbetreuung sowie das Fehlen eines gleichberechtigten Elternurlaubs ins Gewicht. Bisher haben Gleichstellungsinitiativen jeweils gegen kurzfristige, betriebswirtschaftliche Argumente verloren: Lange Elternurlaube seien zu teuer, Kinder seien Privatsache der Eltern und diese müssten selber für eine Betreuung sorgen. Mehr qualifizierte Frauen auf dem Arbeitsmarkt bewirken aber einen nachhaltigen, volkswirtschaftlichen Nutzen. Zudem würden die Kosten auch mehrheitlich von staatlicher Seite getragen, etwas, was in einem der wettbewerbsfähigsten Länder der Welt möglich sein muss. Es wird Zeit, dass man in der Schweiz diese einfache Rechnung macht, und es wagt, den guten Beispielen der Nachbarländer zu folgen.

Maria Isabelle Wieser, foraus

Freitag, 14. Dez 2018

Zurück zur Übersicht

Teilen:

Zur Autorin und zu foraus

Maria Isabelle Wieser ist stellvertretende Geschäftsführerin und ehemalige Leiterin der Themengruppe „Gender“ beim Think Tank foraus – Forum Aussenpolitik. foraus entwickelt wissenschaftlich fundierte Empfehlungen für aussenpolitische EntscheidungsträgerInnen und die breite Öffentlichkeit, um so die Lücke zwischen Wissenschaft und Politik zu schliessen. Als Grassroots-Organisation gestützt auf ein schweizweites und internationales Netzwerk von Ehrenamtlichen ist foraus das Sprachrohr für junge DenkerInnen, die die Aussenpolitik von morgen prägen wollen.