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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Gastbeitrag

Nein, das müssen wir uns nicht gefallen lassen

Die bezahlte Arbeit wird knapp. Und was es davon noch gibt, liegt zunehmend an der Grenze der Zumutbarkeit – oder auch drunter. Doch wo genau liegt die Grenze?

Ein konkreter Fall aus Deutschland: Da findet einer nach sieben Monaten Hartz 4 einen Job als Leiharbeiter. Arbeitsbeginn 5 Uhr 10. 80 Minuten Fahrweg, der Arbeitgeber organisiert den Fahrdienst. Tagwache um 3 Uhr 15. Dann neuer Befehl, neuer Einsatzort, anderthalb bis zwei Stunden vom alten entfernt. Ein Weg dauert jetzt drei bis dreieinhalb Stunden. Rückkehr um 19 Uhr abends. Verzweifelte Frage an den Rechtsanwalt eines Hilfswerks: „Muss ich mir das alles gefallen lassen???“ Antwort: Bei Zeitarbeitsfirmen ist es häufig so, dass Sie hin- und her verschoben werden, ohne richtig informiert zu werden. Andererseits droht Ihnen aber sonst eine Sperre und somit eine Zeit ohne Einkommen. Daher kann ich Ihnen leider keinen anderen Rat geben.“

Wahnsinn! Und das 85 Jahre, nachdem Keynes prophezeit hatte, dass seine Enkel nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten müssen. Geschehen in einem Land, das in der EU als wirtschaftliches Musterland gilt! Was ist da schief gelaufen? Diese Frage treibt mich täglich um. Ich habe die Gnade der frühen Geburt. Mit Jahrgang 1946 und Geburtsort Schweiz hatte ich das Glück, in eine Welt hineinzuwachsen, in der es immer nur aufwärts ging. Automatischer Teuerungsausgleich, regelmässige Reallohnerhöhungen. Sichere Perspektive. Der technologische Fortschritt machte es möglich. Und irgendwann ist die Sache dann gekippt, plötzliche produzierte der Fortschritt nur noch Stress, sozialen Ausschluss und Armut.

Die Roboter sind nicht schuld

Doch warum? Gibt es irgendeinen Grund warum es nicht weiter aufwärts gehen sollte. Ist die – „unvermeidliche“ – Globalisierung schuld? Die sollte uns doch eigentlich noch mehr Wachstum bescheren. Fressen uns die Roboter die Arbeitsplätze weg? Nein, es sind nicht die Roboter, es ist auch nicht die künstliche Intelligenz, sondern die natürliche. Die Komplexität der Globalisierung überfordert uns intellektuell. Doch nicht alle im gleichen Masse. Die Schweiz etwa hat die Herausforderung bisher relativ gut gemeistert. Wir haben zum Beispiel noch nicht den Fehler gemacht, „Menschen in Arbeit zu bringen“, indem wir einen „Niedriglohnsektor“ schaffen, die Arbeitsmärkte flexibilisieren und die „unvermeidlichen Strukturreformen“ durchziehen.

Bei uns haben die Arbeitnehmerorganisationen und Arbeitnehmervertreter (bisher) erfolgreich verhindert, dass die Sozialwerke ab- und ein Niedriglohnsektor aufgebaut wird. Bei uns werden auch im Bau, Detailhandel, Gastronomie, Reinigung etc. noch Löhne bezahlt, von denen man einigermassen leben kann. Wir haben den Irrsinn der Deregulierung (noch) nicht mitgemacht. Und wir haben mit flankierenden Massnahmen (bisher) dafür gesorgt, dass bei uns Arbeitskräfte nicht so leicht ausgebeutet werden können.

Es braucht ein Gleichgewicht der Kräfte

Wirtschaftshistoriker wissen es: Ob ein Land gedeiht oder in Armut versinkt, hängt vom ungefähren Gleichgewicht der Kräfte ab. Dieses Gleichgewicht wird aber nicht – wie viele Ökonomen glauben – durch den freien Markt hergestellt, sondern durch inklusive Institutionen. Dazu gehören die Sozialwerke, kürzere Arbeitszeiten, eine stabile Währung und starke Arbeitnehmerorganisationen. Das Gleichgewicht muss immer wieder neu austariert werden. Wenn wir dies dem Markt und den Technokraten in Brüssel überlassen, entscheidet die Politik  bald nur noch darüber, ob sechs Stunden Wegzeit für acht Stunden Arbeit zu 8.50 Euro zumutbar sind oder nicht.

Ein Gleichgewicht der Kräfte kann immer nur politisch hergestellt werden. Dazu braucht es öffentliche Diskussionen. Es braucht Leue, die Perspektiven aufzeigen und darlegen, warum eine bessere Zukunft noch immer möglich ist. Deshalb zahle ich nicht nur weiter meine Gewerkschaftsbeiträge, sondern greife auch immer wieder mal zur Feder.

 

Werner Vontobel, Ökonom und Journalist

Donnerstag, 10. Mär 2016

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