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Wie die 50+ den Arbeitskräftemangel lindern können

Bis 2030 dürften bis zu einer halben Million Arbeitskräfte auf dem Schweizer Arbeitsmarkt fehlen. Rezepte dagegen gibt es diverse. Am vielversprechendsten ist gemäss einer Deloitte-Studie eine bessere Nutzung des Potenzials der älteren Arbeitskräfte.

Die Schweiz altert. Jedes Jahr nimmt der Anteil der Pensionierten an der Gesamtbevölkerung zu. Gleichzeitig kommen zu wenig junge Arbeitskräfte nach. Heute beträgt das Verhältnis zwischen Personen über 65 und solchen unter 20 knapp eins zu eins. Das Bundesamt für Statistik schätzt, dass es bis 2030 bei 1,3 und 2050 sogar bei 1,6 liegen wird. Das heisst, auf eine unter 20-jährige Person kommen dann 1,6 über 65-Jährige.

Dies wird zu einem erheblichen Mangel an Arbeitskräften auf dem Schweizer Arbeitsmarkt führen. Die UBS hat ausgerechnet, dass bis 2030 zwischen 230 000 und 500 000 Arbeitskräfte fehlen. Dies wird es auch zu Engpässen bei den Sozialversicherungen führen.

Wie kann dem Problem des Arbeitskräftemangels begegnet werden? Die Studie «Arbeitskräfte gesucht. Wie die Altersgruppe 50plus den Arbeitskräftemangel lindern kann» von Deloitte hat verschiedene Möglichkeiten analysiert. Sie ist zum klaren Schluss gekommen, dass die bessere Nutzung des Potenzials der 50+ die vielversprechendste Lösung wäre.

Die Situation der Älteren im Arbeitsmarkt

Betrachtet man die Arbeitslosen- respektive die Erwerbslosenquote (Arbeitslose inklusive nicht beim RAV Angemeldete und Ausgesteuerte), so kann man feststellen, dass die Arbeitskräfte über 50 gut in den Arbeitsmarkt integriert sind. Beide Werte liegen bei ihnen tiefer als der Schnitt über alle Altersklassen.

Alles in Butter also? Nicht ganz. Verliert eine über 50-jährige Person die Arbeit, bleibt sie im Schnitt wesentlich länger arbeitslos als jüngere Personen. Bei mehr als einem Viertel ist es länger als ein Jahr. Die Deloitte-Studie stellt auch eine tiefere Einstellungsrate bei den 50+ fest. Das heisst, es werden in den Unternehmen weniger ältere als jüngere Arbeitskräfte eingestellt.

Betrachtet man die Rate der Arbeitsmarktpartizipation, so fällt auf, dass bis 59 die meisten noch erwerbstätig sind (80%). Ab 60-64 sinkt die Rate aber rapide auf etwa 60%, ab 65-69 sogar auf 23%. Diese Werte sind deutlich tiefer als zum Beispiel in den nordischen Ländern. Erklären lassen sie sich die stark sinkenden Werte ab 60 gemäss Deloitte mit unserem Wohlstand. Der Rückzug aus dem Arbeitsmarkt erfolgt häufig freiwillig – viele können sich eine Frühpensionierung einfach leisten.

Vernachlässigtes Arbeitskräftepotenzial

«Auch wenn die Lage der über 50-Jährigen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt grundsätzlich gut ist, schlummert in dieser Altersgruppe viel zusätzliches Arbeitskräftepotenzial», stellt die Deloitte-Studie fest. Zum einen sei sie die zahlenmässig grösste Altersgruppe auf dem Arbeitsmarkt, zum anderen verfüge sie über eine tiefere Arbeitsmarktpartizipation als jüngere Vergleichsgruppen. «Würde das zusätzliche Arbeitskräftepotenzial ausgeschöpft werden, liessen sich die Auswirkungen des demografischen Wandels auf dem Arbeitsmarkt deutlich abfedern», finden die Autoren der Studie. Doch wie gross ist das Potenzial und wie gut lässt es sich nutzen?

Deloitte unterscheidet verschiedene Kategorien von verfügbaren Arbeitskräften im Alter 50 bis 64. Da sind zum einen die Erwerbslosen («Personen, die nicht erwerbstätig sind, in den vier vorangegangenen Monaten nach Arbeit gesucht haben und verfügbar sind»). Als Unterbeschäftigte bezeichnet die Studie «erwerbstätige Personen, die eine kürzere Arbeitszeit als 90 Prozent aufweisen, mehr arbeiten möchten und innerhalb von drei Monaten dafür verfügbar wären». In der stillen Reserve befinden sich «Nichterwerbspersonen, die gerne berufstätig wären, in den nächsten zwei Wochen verfügbar wären und nicht aktiv nach Arbeit suchen» respektive «Nichterwerbspersonen, die die letzten vier Wochen aktiv nach Arbeit gesucht haben, aber innerhalb von zwei Wochen nicht verfügbar sind». Insgesamt umfassen diese Kategorien rund 230 000 Personen.

Die Deloitte-Studie schätzt das Mobilisierungspotenzial dieser Kategorien allerdings als beschränkt ein: «Die bereits tiefe Erwerbslosigkeit lässt sich kaum senken. Bei den Unterbeschäftigten scheint in vielen Fällen Angebot und Nachfrage nicht übereinzustimmen. Und innerhalb der stillen Reserve sind viele bereits familiär verpflichtet oder pensioniert und deshalb nicht einfach zu mobilisieren.»

Hohe Bereitschaft, länger zu arbeiten

Wo können die fehlenden Arbeitskräfte sonst rekrutiert werden? Deloitte präsentiert einen Vorschlag, der überraschen mag: «Ein grösseres und vor allem einfacher zu mobilisierendes Arbeitspotenzial dürfte gegenüber Personen bestehen, die bereits in den Arbeitsmarkt integriert sind, aber gerne über die Pensionierung hinaus arbeiten möchte.» Wie kommt Deloitte darauf? Ganz einfach: Viele Personen möchten gerne über das Pensionsalter hinaus arbeiten. Deloitte hat 1000 in der Schweiz wohnhafte Personen zwischen 50 und 70 befragt. 5% der Befragten möchten in Vollzeit weiterarbeiten, 35% in Teilzeit. Das ergibt ein Potenzial von 578 000 Personen, oder 40% Anteil an den Erwerbspersonen.

«Würde dieses Potenzial vollständig ausgeschöpft, liesse sich das zukünftige Ungleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt zwischen Aus- und Eintritten deutlich lindern, was auch die Sozialversicherungen entlasten würde.» Zu diesem Schluss kommen die Studienautoren. Gehe man davon aus, dass diese Personen im Durchschnitt drei Jahre weiterarbeiten und die Teilzeitbeschäftigung im Schnitt 60% beträgt, so könnten auf diese Weise ein Sechstel bis ein Drittel der von der UBS prognostizierten Lücke geschlossen werden.

Wunsch und Realität klaffen auseinander

Soll dies gelingen, dann muss man den 64+ die Möglichkeit auch bieten, länger zu arbeiten. Betrachtet man die aktuelle Arbeitsmarktpartizipation der 65- bis 69-Jährigen (23%), dann sieht man sofort, dass Realität und Wunsch noch weit auseinander liegen. Das sehen die von Deloitte Befragten selber auch so. Lediglich eine Minderheit derjenigen, die gerne länger arbeiten möchten, rechnet damit, dies tatsächlich tun zu können. Bei jenen, die teilzeitlich weiterarbeiten möchten, liegt der Wert bei 43%, bei denjenigen mit dem Wunsch nach Vollzeit bei 28%. Viele gehen davon aus, dass mit dem Erreichen des regulären Pensionsalters definitiv Schluss ist. Dies entspricht den Erfahrungen vieler angestellten und ist in der Einschätzung der Angestellten Schweiz weitgehend noch die Realität in den Unternehmen. Es braucht dort also ein Umdenken.

Damit es gelingt, empfiehlt Deloitte den Unternehmen fünf «Schritte zum Erfolg»:

  • Das Thema ist in die Unternehmensstrategie zu integrieren und zu priorisieren.
  • Die Unternehmenskultur ist grundlegend anzupassen, ebenso das Mindset der Führungskräfte.
  • Es braucht eine strategische Personalplanung, die ältere Arbeitskräfte berücksichtigt.
  • Es müssen konkrete Massnahmen umgesetzt werden, wie: Anpassung der Arbeitsmodelle (insbesondere im Hinblick auf Teilzeit), Anpassung der Arbeitsinhalte und der damit verbundenen Verantwortlichkeiten (ältere Mitarbeitende in der Rolle von Experten oder Beratern), Anpassung der Arbeitsverhältnisse (Freelancer oder externe Projektmitarbeitende statt Angestellte), Bildung von generationenübergreifenden Teams, Erhalt der Arbeitsmarktfähigkeit älterer Mitarbeitender (Weiterbildung) und Investitionen in das Gesundheitsmanagement.
  • Regelmässiger Dialog auf Mitarbeiterebene, z.B. Standortgespräche.

Arbeitgeber müssen jetzt handeln

Dies sind auch aus Sicht der Angestellten Schweiz alles sehr wichtige Punkte, um ältere Mitarbeitende zu motivieren, über das Pensionsalter hinaus zu arbeiten. Die Arbeitgeber sind aufgefordert, sich jetzt sofort aktiv um die Altersgruppe 50+ zu bemühen. Sie können es sich schlicht nicht mehr leisten, dieses wertvolle Arbeitskräftepotenzial einfach wegzuschieben oder davonziehen zu lassen.

Der Staat kann die Arbeitgeber dahingehend unterstützen, dass er die Rahmenbedingungen verbessert. Die Deloitte-Studie schlägt eine Flexibilisierung und gleichzeitig eine Erhöhung des Rentenalters zum Beispiel nach dem Modell Schwedens vor. Genau dies zu prüfen forderte im Mai 2019 auch der Geschäftsführer der Angestellten Schweiz in einem viel beachteten Beitrag der NZZ am Sonntag.

Hansjörg Schmid

Donnerstag, 12. Dez 2019

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