JavaScript ist in Ihrem Browser deaktiviert. Ohne JavaScript funktioniert die Website nicht korrekt.
Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Weniger arbeiten bei gleichem Lohn

Es ist Donnerstag und Ihre Arbeitswoche endet heute, obwohl Sie Vollzeit arbeiten und Freitag kein Feiertag ist. Jede Woche ist es so: Sie hören am Donnerstagabend auf zu arbeiten und fangen damit erst am Montagmorgen wieder an. Das Tolle daran ist: Ihr Gehalt bleibt gleich.

Wie ist das möglich? Ganz einfach, Ihr Arbeitgeber folgte dem Beispiel von Microsoft Japan und führte die Viertagewoche bei fünf bezahlten Tagen ein. Leider ist das, was ich gerade geschildert habe, noch nicht Ihre Realität. Sie arbeiten immer noch von Montag bis Freitag und ich auch.

Effizienzsteigerung dank Digitalisierung

Weil die Digitalisierung Produktivitätssteigerungen ermöglicht, stellt sich zunehmend die Frage nach einer Verkürzung der Arbeitswoche. Über die Erfahrungen von Microsoft Japan von Radio Télévision Suisse interviewt, bestätigt Isabelle Rey-Millet, Direktorin der Unternehmensberatung Ethikonsulting und Professorin für Management an der ESSEC Business School, dass uns die Digitalisierung effizienter gemacht hat. Sie gibt ein Beispiel: «Kommunizierte ich vor zwanzig Jahren, musste ich eine Person nach der anderen kontaktieren, meine Kunden, die Journalisten... Heute senden wir eine E-Mail, es braucht zehn Minuten, um tausend Menschen zu erreichen.»

Stefan Studer, Geschäftsführer der Angestellten Schweiz, hat das Thema «kürzer arbeiten» im Rahmen der Lohnforderungen des Verbandes bereits im Sommer 2017 angesprochen. Er verwies ebenfalls auf die Produktivitätsgewinne durch die Digitalisierung und erklärte, dass diese nicht nur die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus der Schweiz ins Ausland stoppen, sondern uns auch über eine Verkürzung der Arbeitszeit nachdenken lassen sollten.

Weniger zu arbeiten ist sogar in Japan eine Option

Wie bereits erwähnt, wagte Microsoft Japan das Experiment im Sommer 2019. Die Angestellten des IT-Unternehmens konnten im August jeden Freitag zu Hause bleiben und wurden entlöhnt, wie wenn sie gearbeitet hätten. Die Idee ist jedoch nicht neu. Vor Microsoft Japan praktizierten andere Unternehmen auf der ganzen Welt die Vier-Tage-Woche, wie z.B. das neuseeländische Unternehmen Perpetual Guardian. Es führte 2018 ein zweimonatiges Experiment durch, schuf eine Plattform zum Erfahrungsaustausch und lud andere Unternehmen und Organisationen ein, es ihr gleichzutun. Perpetual Guardian blieb nach dem Versuch der Vier-Tage-Woche treu.

Dass das Experiment ausgerechnet in Japan durchgeführt wurde, einem Land, das für seine Überstunden bolzenden und kaum Ferien geniessenden Angestellten bekannt ist, mag überraschen, aber es macht die Ergebnisse umso interessanter. Microsoft Japan bewertet die im Rahmen des Projekts «Work-Life Choice Challenge» gesammelten Erfahrungen positiv. Das Unternehmen erfuhr eine Produktivitätssteigerung um 40%. Von den teilnehmenden Angestellten waren 92% zufrieden. Interessant ist auch, dass die Reduktion der Arbeitstage Papier sparte und den Stromverbrauch des Unternehmens um 23% verminderte. Wir sollten das Experiment allerdings nicht überbewerten, schliesslich dauerte es lediglich einen Monat. Es hat aber die Debatte in Japan eröffnet.

Wir arbeiten weniger als vor 20 Jahren

Schweizer Erwerbstätige haben ihre Arbeitszeit in den letzten 20 Jahren drastisch reduziert. Die Schweizer*innen arbeiten heute 150 Stunden weniger als noch vor 20 Jahren. Dieser Rückgang ist auf die Zunahme der Teilzeitarbeit, auch bei Männern, sowie die Zunahme der Urlaubstage zurückzuführen. Der Anteil teilzeitbeschäftigter Männer hat sich in diesem Zeitraum verdoppelt, obwohl im Vergleich zu den Frauen noch immer wenige Männer Teilzeit arbeiten, nämlich 18% gegenüber 59%.

Trotz weniger Arbeitsstunden sind wir Schweizer*innen immer noch die Fleissigsten. Gemäss Bundesamt für Statistik liegt unser Land mit Island bezüglich der effektiven Wochenarbeitszeit mit durchschnittlich 42,5 Stunden pro Woche unter den europäischen Ländern an erster Stelle. Dies gilt allerdings nur bezogen auf die Vollzeitbeschäftigten.

Ist die Viertagewoche in der Schweiz möglich?

Können Schweizer Unternehmen dem Beispiel von Microsoft Japan folgen? «Grundsätzlich ist dies aus juristischer Sicht möglich», sagt Marilena Schioppetti, Rechtsanwältin der Angestellten Schweiz. Es sei allerdings wichtig, dass insbesondere die arbeitsgesetzlichen Schutzbestimmungen trotzdem eingehalten würden.

Auch auf politischer Ebene wird eine Arbeitszeitverkürzung gefordert, so von den Jungsozialisten Schweiz, die dafür eine Allianz gegründet haben. Die Verkürzung der Arbeitszeit sei nicht nur gut für Frauen, sondern auch für die Umwelt, erklären die Jungsozialisten. Laut einer schwedischen Studie führt eine Verringerung der Arbeitszeit um 1% zu einer Verringerung der CO2-Emissionen um 0,8%.

Dies kann ein gewichtiges Argument sein, wenn es darum geht, klimafreundliche Massnahmen zu fördern. Wie Sie bestimmt schon gelesen haben, engagieren sich die Angestellten Schweiz und ihre Mitarbeitenden aktiv für nachhaltige Entwicklung und das Klima. Das Experiment von Microsoft Japan im Verband durchzuführen wäre eine weitere Geste zugunsten des Klimas. Deshalb werde ich sofort einen entsprechenden Antrag bei der Geschäftsleitung stellen.

Virginie Jaquet

Mittwoch, 27. Nov 2019

Zurück zur Übersicht

Teilen: