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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

„Was wir an Wertschöpfung leisten, ist im Verhältnis zu den Emissionen besser als Auto zu fahren“

Trotz des riesigen Chemiebetriebs der Lonza hat die Luft im walliserischen Visp die kristalline Qualität, die man in den Bergen erwartet. Das Unternehmen produziert heute nach den Worten von Jörg Solèr sehr nachhaltig. Der Standortleiter ist sichtlich stolz darauf, auf saubere Weise eine grosse Wertschöpfung zu erzielen.

Herr Solèr, Sie sind Standortleiter des Werks Visp der Lonza. Was bedeutet für Sie der Begriff Nachhaltigkeit?

Nachhaltigkeit bedeutet für uns als Unternehmen und für unseren Standort, die Aktivitäten auf die Zukunft auszurichten, die Zukunft nicht zu verbauen. Nachhaltigkeit hat für uns aber auch mit den Menschen, insbesondere den Mitarbeitenden zu tun. Wir möchten für sie ein langfristiger Arbeitgeber sein. Ein weiterer Aspekt ist die Ressourceneffizienz. Wir streben möglichst effiziente chemische Prozesse an, damit wir so wenig Abfall wie möglich produzieren. Und selbstverständlich gehört zur Nachhaltigkeit auch der Schutz der Umwelt.

Was tun Sie in Ihrem Werk in Visp, um nachhaltig zu sein?

Wir arbeiten wissenschaftsbasiert und sind stets bestrebt, unsere chemischen Prozesse zu verbessern. Wir möchten besser sein, als die Gesetze vorschreiben. Unseren Abfall entsorgen wir selber, werten ihn aber vorher aus. Das heisst, wir entziehen alle Stoffe, die wir wieder einsetzen können. Dies sind zum Beispiel Lösungsmittel. Den Abfall machen wir unschädlich, indem wir ihn verbrennen. Die daraus entstehende Energie nutzen wir. Die Schlacke wird deponiert. Mit unserem integrierten System können wir den Verbrauch von Ressourcen auf ein Minimum reduzieren.

Haben Sie eigene Deponien für die Schlacke?

Wir haben eine eigene Deponie, in die auch die Schlacke aus der Abwasserreinigung, an der wir beteiligt sind, eingelagert wird. Die Asche der Abwasserreinigungsanlage wird übrigens in Zukunft interessant werden, weil sie phosphorhaltig ist. Phosphor ist ein Rohstoff, der vermehrt recycelt wird. Aus ihm wird unter anderem Dünger hergestellt.

Arbeitet Lonza auch an anderen Standorten so nachhaltig wie in Visp?

Dies tun wir auf der ganzen Welt. So hatten wir bereits 1997 einen chemischen Prozess mit Schweizer Standard nach China gebracht. Dank dieser hohen Standards waren wir nie betroffen von Restriktionen seitens der chinesischen Regierung.

Gelten die Standards, die Sie hier haben, in allen Ländern?

Das ist so. Wenn wir Betriebe akquirieren, welche noch nicht unsrem Standard entsprechen, dann bringen wir sie kurz- bis mittelfristig auf unser Niveau. Wir wollen ja auch alle Mitarbeitenden gleich behandeln, unabhängig, wo sie arbeiten.

Die chemische Industrie wurde und wird zum Teil noch heute mit Gift und Umweltverschmutzung in Verbindung gebracht. Wie gerechtfertigt ist das noch?

Dieses Image der chemischen Industrie wurde geprägt von schweren Zwischenfällen in der Schweiz und anderswo auf der Welt. Einer der grössten in Europa war Schweizerhalle, der Rhein wurde stark verschmutzt. Ein anderes Beispiel ist Seveso. Wir in Visp hatten Belastungen mit Quecksilber. Aus den Vorfällen hat die chemische Industrie gelernt und sich sehr schnell dramatisch verbessert. Heute ist die Luft in Visp sauber, man riecht und sieht nichts von der chemischen Industrie. Vor 50 Jahren war das noch anders.

Es gibt aber immer noch Emissionen?

Wo man produziert, erzeugt man Emissionen; je grösser der Betrieb ist, desto höhere lokale Emissionen hat man. Aber nicht alle Emissionen sind kritisch. In der Schweiz werden die Emissionen genau erfasst und kontrolliert. Man muss immer auch die Relationen sehen: Was hier in Visp an Wertschöpfung geleistet wird, ist im Verhältnis zu den Emissionen weit besser, als mit einem Auto zu fahren. Es ist uns zu wenig bewusst, welchen Nutzen die chemische Industrie für die Gesellschaft stiftet. Wir stellen zum Beispiel Ausgangsprodukte/Wirkstoffe für Medikamente her, die viel zum Gesamtwohl beitragen. Für die Schweiz ist die chemisch-pharmazeutische Industrie enorm wichtig. Diese Geschichte muss man eben auch erzählen.

Was tun Sie, um das Image Ihrer Industrie zu korrigieren?

Weil Zwischenfälle in der Branche dank der massiv verbesserten Sicherheit so selten geworden sind, fallen sie umso mehr auf und die Medien thematisieren sie. Wir kommunizieren offen und transparent und sprechen auch die problematischen Themen an. Wir zeigen auf, dass wir in den Umweltschutz investieren. Wichtig ist mir auch, zu vermitteln, dass man „Gifte“ differenziert betrachten muss. Ob etwas giftig ist oder der Gesundheit förderlich, hängt sehr stark von der Konzentration ab. Ein Krebsmedikament ist in hoher Dosierung giftig, in der richtigen fördert es die Gesundheit der Patienten. Auch der Alkohol ist in grossen Mengen giftig, trotzdem trinken wir ihn.

So sauber wie heute produzierte Lonza früher nicht. Sie haben selber das Problem mit dem Quecksilber angesprochen. Es gab auch einen Fall mit Lösungsmitteln im Wasser. Selbst Lonza-Mitarbeitende äusserten sich in Kommentaren in den Online-Medien kritisch zum Umgang des Unternehmens mit dieser Problematik.

Anonyme Kommentare sind einfach abzugeben. Vielleicht hat der Mitarbeiter ja im Betrieb eine schlechte Erfahrung gemacht und hat den Kommentar aus Frutstration verfasst. Wir fordern alle Mitarbeitenden auf, alles zu melden, was aus ihrer Sicht nicht richtig läuft. Solche Meldungen sind willkommen, wir nehmen sie ernst und gehen ihnen nach. Niemand wird bestraft.

Schulen Sie die Mitarbeitenden diesbezüglich auch?

Selbstverständlich, in Bezug auf den Umweltschutz und die Qualität.

Sie entwickeln Ihre Produkte ja laufend weiter und gestalten dazu neue chemische Prozesse. Dadurch können neue Risiken entstehen. Wie behalten Sie diese im Griff?

Ein Restrisiko besteht in unserer Tätigkeit immer, vor allem, weil wir an der Innovationsspitze arbeiten. Alles, was wir noch nicht genau verstehen, klassifizieren wir aber als kritischer als das, was wir schon verstehen. Das heisst, wir haben eine Sicherheitsmarge eingebaut. Der Mitarbeitende ist zudem nicht mehr persönlich für die Prozesssicherheit verantwortlich, sondern das System, an das er sich aber halten muss. Wir haben auch technische Überwachungssysteme. Mit diesen Sicherheitskonzepten verstärken wir den Schutz. Offene Arbeit mit chemischen Stoffen gibt es heute übrigens nicht mehr. Damit schützen wir nicht nur die Mitarbeitenden vor dem Produkt, sondern auch das Produkt vor den Mitarbeitenden, das heisst, vor deren Keimen. Alles in allem kann ich zwar nicht ausschliessen, dass einmal ein kritischer Stoff freigesetzt wird, einen extrem grossen Zwischenfall halte ich aber für sehr unwahrscheinlich.

Was passiert, wenn sich ein Mitarbeiter nicht an die Sicherheitsvorgaben hält?

Dann hat das Konsequenzen für ihn. Er gefährdet ja nicht nur sich selber, sondern zum Beispiel auch seine Kollegen oder die Patienten. Unseren Angestellten ist aber absolut klar, dass sie sich an die Sicherheitsvorschriften zu halten haben.

Was macht, ausser den optimalen chemischen Prozessen, Ihre Produkte nachhaltig?

Unsere Produkte ermöglichen zum Beispiel, dass man Flugzeuge leichter bauen kann. Diese verbrauchen dann beim Fliegen weniger Energie. Ein weiteres Beispiel sind unsere Wasserchemikalien, die Wasser reinigen und es trinkbar machen. Nützlich sind auch Mittel, welche verhindern, dass geerntete Früchte beim Transport verrotten. Schützt man die Früchte nicht, gehen nämlich 20 bis 30 Prozent der Ernte kaputt. Ebenso wichtig wie die Nachhaltigkeit der Produkte ist uns aber die Nachhaltigkeit der Mitarbeitenden.

Was verstehen Sie darunter?

Unser Ziel ist, die Mitarbeitenden langfristig bei uns zu halten. Dazu müssen sie sich entwickeln können. Das Wissen der Angestellten, ihre Expertise und ihr Engagement wollen wir sichern. Darum ist auch unsere Personalführung nachhaltig ausgerichtet.

Was tun Sie persönlich, um nachhaltig zu leben?

Als ich vor zwölf Jahren eine Wohnung kaufte war für mich klar, dass sie den Minergie-Standard erfüllen muss. Wichtig war mir, kein Öl zu verheizen – als Chemiker weiss ich, wie wertvoll dieser Rohstoff ist. In der Schweiz reise ich mit dem Zug statt mit dem Auto. Nicht zuletzt frage ich mich immer, ob ich all die Neuigkeiten wie das letzte Handymodell brauche.

Wie wird die Lonza Visp in 10, in 20 Jahren in Bezug auf die Nachhaltigkeit dastehen?

Wir werden sicher einen besseren Footprint haben. Das heisst, wir werden mehr oder gleich viel umsetzen, aber eine bessere CO2-Bilanz haben. Wir haben ein Team, das sich darum kümmert, den Energieverbrauch zu senken. Wenn wir dies erreichen, sparen wir auch Kosten, was finanziell nachhaltig ist. Nachhaltigkeit ist für uns nicht nur ein Schlagwort oder ein Trend, auf den wir aufspringen, um damit Werbung zu machen. Wir wollen sie wirklich umsetzen. Dies entspricht unserer Einstellung zum Menschen. Vieles haben wir schon gemacht – zum Beispiel nutzen wir den Dampf der Kehrichtverbrennungsanlage Oberwallis und haben so den Wirkungsgrad dramatisch verbessert. Weiter fassen wir eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des im Bau befindlichen Produktionsgebäudes ins Auge.

 

Interview: Hansjörg Schmid

Mittwoch, 29. Aug 2018

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Zur Person

Jörg Solèr ist als Standortleiter der Lonza in Visp zuständig für alle Aktivitäten am Standort. Der Chemiker leitet einen Teil der Produktion sowie die ganze Infrastruktur, inklusive Entsorgung und Versorgung.