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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Lohnrunde 2023

Was bei den Löhnen zu erwarten ist

So spannend war die Lohnrunde schon lange nicht mehr. Die Arbeitnehmerorganisationen stellen hohe Forderungen. Die Arbeitgeber dämpfen die Erwartungen. Was sind die Argumente, wer ist in der besseren Ausgangslage? Wir geben einen Über- und Ausblick.

Das Spiel wiederholt sich jedes Jahr: Die Arbeitnehmerorganisationen stellen im Spätsommer ihre Lohnforderungen. Die Arbeitgeber bringen eine Reihe von Argumenten in Stellung, warum sie diese Forderungen nicht erfüllen können. So weit ist auch in diesem Jahr alles normal. Nur geht es diesmal wirklich um die Wurst. Gerungen wird nicht um Zehntelprozente, sondern um mehrere Prozente.

Angestellte Schweiz fordert zusammen mit dem Kaufmännischen Verband Schweiz bis zu 4% mehr Lohn. Am 28. Juli 2022 machten die beiden Arbeitnehmerorganisationen diese Forderung mit einer Medienmitteilung publik. Begründet wurde sie mit der massiven Teuerung, die einen Kaufkraftverlust zur Folge hat. Die Teuerung dürfte sogar noch höher ausfallen als im Juli angenommen. Die UBS korrigierte ihre Prognose im August von 2,7 auf 3,1%. Neben der Teuerung stellen Angestellte Schweiz und der Kaufmännische Verband bei den Löhnen auch einen ausgewiesenen Nachholbedarf fest. In den letzten zehn Jahren waren die Lohnzuwächse bescheiden oder sogar ganz ausgeblieben.

Angst vor Lohn-Preis-Spirale

Am 8. August zog der Dachverband Travail.Suisse nach mit Forderungen bis sogar 5%. Desgleichen der Verband Öffentliches Personal Schweiz. Die Reaktion der Arbeitgeber folgte postwendend. «Die Konjunkturaussichten haben sich eingetrübt. Wir stehen vor einer möglichen Energie-Mangellage im Winter. Es wäre nicht vernünftig, jetzt mit der grossen Kelle anzurichten.» Dies äusserte Simon Wey, Chefökonom des Schweizerischen Arbeitgeberverbands. Ivo Zimmermann, Mediensprecher des Branchenarbeitgeberverbands Swissmem, fürchtet, dass grosse Lohnerhöhungen die Inflation anheizen. «Übermässige Lohnerhöhungen in allen Unternehmen würden erhebliche Mehrkosten verursachen», wird er auf nau.ch zitiert. «Diese werden über kurz oder lang auf die Kunden überwälzt – die Preise steigen weiter. Es droht die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale oder sogar Stagflation.» Eine Stagflation ist die unangenehme Situation, dass die Wirtschaft dümpelt und gleichzeitig die Preise steigen.

Müssen sich die Angestellten auf einen Reallohnverlust einstellen? Einen Hinweis darauf gibt eine Umfrage der ETH-Konjunkturforschungsstelle KOF. Gemäss dieser dürften die Löhne im Schnitt um 2,2% steigen. Im Finanzsektor werden lediglich 1,5% erwartet. Wesentlich besser sieht es für Angestellte im Gastgewerbe aus: sie dürfen mit 4,4% rechnen.

Arbeitnehmerseite hat gute Karten

Ist also alles schon verloren, bevor die Lohnverhandlungen überhaupt richtig angefangen haben? Angestellte Schweiz und der Kaufmännische Verband finden nicht. «Trotz einiger Unsicherheiten (wie die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die damit verbundenen Lieferengpässe oder der Ukrainekrieg mit seinen geopolitischen Folgen) bleiben die Konjunkturaussichten gut.» So haben wir es in der Medienmitteilung geschrieben. Es gilt weiterhin. «Die meisten Schweizer Unternehmen befinden sich in einer guten finanziellen Verfassung. Davon zeugen deren Gewinnausschüttungen.» Dies stellt Michel Lang, Leiter Sozialpartnerschaft beim Kaufmännischen Verband Schweiz, fest. Er kommt darum zum Schluss: «Die geforderten Lohnerhöhungen sind deshalb nicht nur vertretbar, sondern auch durchaus verkraftbar.» Selbstverständlich muss auf die Situation der einzelnen Betriebe Rücksicht genommen werden. Diesen Standpunkt hat Angestellte Schweiz schon immer vertreten.

Den Angestellten spielt bei der aktuellen Lohnrunde aber noch eine andere Entwicklung in die Hände: Auf dem Arbeitsmarkt findet derzeit eine Machtverschiebung in Richtung Arbeitnehmende statt. Bereits jetzt sind Fachkräfte knapp. Der Renteneintritt der Babyboomer und der mangelnde Nachwuchs werden das Problem des Fachkräftemangels in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Dazu kommt eine sehr tiefe Arbeitslosigkeit und eine hohe Bereitschaft der Angestellten, die Arbeitsstelle zu wechseln. Dies alles verstärkt die Verhandlungsposition der Angestellten.

Arbeitgeber unter Druck

«Mit einer substanziellen Erhöhung der Löhne investieren Unternehmen in ihre eigene Zukunft», finden Angestellte Schweiz und der Kaufmännische Verband Schweiz. «Diejenigen Arbeitgeber, die sich bei der Festlegung der Löhne für das Jahr 2023 verzocken, riskieren am Ende, ihr wichtigstes Kapital zu verlieren: die Angestellten», ist Stefan Studer, Geschäftsführer von Angestellte Schweiz, überzeugt. Er erwartet, dass Arbeitgeber diesmal stärker unter Druck sein werden. Dies könnte auch in den nächsten Jahren so bleiben. «Die Perspektiven hinsichtlich ordentlicher Lohnzuwächse dürften auch mittel- bis langfristig äusserst günstig bleiben».

Die Chancen für spürbare Lohnerhöhungen und mindestens einen Teuerungsausgleich sind also intakt – sofern sich die Wirtschaftslage nicht nochdramatisch verschlechtert. Das Beispiel Gastgewerbe zeigt, dass dies möglich ist. Angestellte Schweiz setzt sich tatkräftig dafür ein, dass es auch in anderen Branchen gelingt.

Hansjörg Schmid

Donnerstag, 01. Sep 2022

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