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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Vorsicht toxisch!

Giftige Produkte sind mit einer Giftklasse und einer Warnung versehen. Notwendig wäre dies auch bei manchem Menschen und manchem Unternehmen.

 

Wir alle kennen ihn (häufig ist es ein Mann): Er ist ehrgeizig und seine Karriere im Unternehmen ist steil. Er hat es in kürzester Zeit nach oben geschafft. Man sagt ihm nach, er sei nur an seinem eigenen Erfolg interessiert und gehe mit anderen Menschen rücksichtslos um. Mit den ihm Unterstellten ist er streng und fordernd und lässt ihnen wenig Freiheiten – sich selber gönnt er sie aber. Er findet, dass er alles besser kann als andere. Neidlos muss man ihm aber zugestehen, dass er sehr hart arbeitet und viele Erfolge aufweisen kann.

Was, so aneinandergereiht, klischeehaft daherkommen mag, beschreibt einen Menschentypen, der in Unternehmen und Organisationen nicht selten vorkommt: den klassischen High Performer. Weil diese Personen so gute Leistungen bringen, werden sie gerne eingestellt und bekleiden hohe Positionen. Von den Mitarbeitenden werden sie jedoch als unangenehm, ja unsympathisch empfunden. Oder, um es mit Mikael Krogerus und Roman Tschäppeler (in ihrer Kolumne im «Magazin») drastisch auszudrücken: Sie sind «Arschlöcher».

Welche Auswirkungen haben solche Personen auf das Betriebsklima und die Leistungen der anderen Mitarbeitenden und letztlich des ganzen Unternehmens? Nützen sie dem Unternehmen mehr oder schaden sie eher?

Diesen Fragen geht die Studie «Toxic Workers» (toxische Mitarbeitende) von Michael Housman (Cornerstone OnDemand) und Dylan Minor (Kellogg School of Managment, Northwestern University) nach. Für sie sind Menschen mit den oben beschriebenen Merkmalen typischerweise solche, die ein toxisches (giftiges) Verhalten an den Tag legen. Um herauszufinden, wie und warum, befragten über 50 000 Angestellte in 11 Unternehmen.

Toxische Menschen verhalten sich unsozial und unmoralisch

«Toxisches Verhalten kommt häufiger vor, als Sie vielleicht denken und geht in der Regel mit einer Persönlichkeitsstörung wie Narzissmus («Selbstverliebtheit») einher. Es vergiftet nach und nach die Emotionen in Ihrem sozialen Umfeld.» Dies schreibt Mirijam Franke auf der Website «arbeits-abc.de». Neben dem Narzissmus nennt sie Machiavellismus und Psychopathie als Persönlichkeitszüge, die Menschen toxisch machen können. Die Psychologin Heidrun Schüler-Lubienetzki beschreibt die von diesen Störungen betroffenen Menschen so: «Der Narzisst benutzt andere Menschen als Mittel zum Zweck. Sie sind nur dazu da, ihn in einem besseren Licht dastehen zu lassen. Dem Psychopathen geht es um Macht, um Nervenkitzel. Er hat keine Empathie und fühlt keine Reue. Der Machiavellist ist ein kühler Machtmensch. Er verfolgt skrupellos und ganz opportunistisch seine eigenen Ziele.» Allerdings muss nicht jede toxische Person notwendigerweise eine solche Störung aufweisen.

Toxische Personen verhalten sich gemäss Mirijam Franke «destruktiv, unsozial und unmoralisch».

An diesen Anzeichen lassen sie sich erkennen:

  • Sie erwirken häufig Mitleid, um eigene Ziele zu verfolgen oder im Mittelpunkt zu stehen.
  • Sie entschuldigen sich nicht. Wieso auch?
  • Sie sind Meister der Manipulation. Sie setzen neben Mitleid Lügen, emotionale Erpressung etc. ein.
  • Sie untergraben das Selbstbewusstsein des Gegenübers.
  • Sie kritisieren häufig und gerne. Da sie nie selbst schuld sind, greifen sie ihr soziales Umfeld an.
  • Sie überschreiten die Grenzen des Gegenübers.
  • Sie reden anderen Schuldgefühle ein.
  • Sie zwängen andere in eine Verteidigungshaltung.
  • Sie sind vereinnahmend.
  • Sie lieben Streit.

 

Achtung ansteckend!

Als Typen toxischer Menschen führt Mirijam Franke z.B. die Tratschtante, das Opfer, den Selbstverliebten, den Eigenbrödler, den Erpresser oder den Lügner auf. Auf einen gemeinsamen Nenner gebracht sind toxische Personen «Nehmer». So bezeichnet sie der Arbeitspsychologe Adam Grant. «Das sind Mitarbeitende, die danach streben, so viel wie möglich zu nehmen, ohne etwas zurückzugeben», schreiben Mikael Krogerus und Roman Tschäppeler.

Die Gründe, warum Menschen toxisch werden, können in ihrer Erziehung, Sozialisierung oder ihren Gewohnheiten liegen. Eine wichtige Rolle spielt das aktuelle Arbeitsumfeld, wie die Studie «Toxic Workers» aufzeigt.

Das gefährliche an toxischen Mitarbeitenden ist, dass sie höchst ansteckend sein können – darin sind sich die hier zitierten Expert*innen einig. So können Toxiker*innen das Arbeitsklima in ganzen Abteilungen oder gar ganzen Unternehmen vergiften.

Ein Paradebeispiel eines toxischen Menschen in Reinkultur ist Donald Trump. Er ist komplett auf sich selbst bezogen. Er überschätzt sich masslos und er setzt sich über alle Regeln guter Politik, der Diplomatie und des Anstands hinweg. Er weist Züge von Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie auf. Trump hat es geschafft, nicht nur sein Umfeld anzustecken, sondern zu allergrössten Teilen seine ehemalige Regierung, seine Partei und einen grossen Teil der US-Bürger.

So schützen Sie sich vor toxischen Personen

Mirijam Franke rät, sich vor toxischen Menschen so gut wie möglich zu schützen – was schwierig ist, wenn es Teamkolleg*innen oder die/der eigene Chef*in sind. Dies können Sie tun:

  • Gehen Sie toxischen Menschen so weit wie möglich aus dem Weg.
  • Wahren Sie so viel Distanz wie möglich.
  • Verbringen Sie so wenig Zeit mit toxischen Personen wie möglich.
  • Bauen Sie eine innere Schutzmauer auf.
  • Entscheiden Sie sich bewusst dafür, sich nicht auf die Spiele toxischer Personen einzulassen.
  • Seien Sie sich Ihrer eigenen Schwächen bewusst und lassen Sie toxische Personen diese nicht ausnützen.
  • Fokussieren Sie auf Ihr Wohlbefinden, Ihre Grenzen.
  • Holen Sie sich wenn nötig Hilfe.

Beachten Sie aber auch, dass Menschen manchmal fälschlicherweise als toxisch tituliert werden. Manche haben einfach eine schlechte Phase, sind krank, von Sorgen geplagt oder besonders belastet.

Toxische Unternehmenskultur führt ins Verderben

Für die Psychologin Schüler-Lubienetzki ist klar, dass ein einzelner toxischer Mitarbeiter ein ganzes Unternehmen kaputt machen kann: «Er agiert ohne Rücksicht auf Kollateralschäden. Er sorgt für Demotivation, Leute kündigen und der Krankheitsstand steigt.»

Stecken toxische Mitarbeitende, insbesondere natürlich Führungskräfte, ein ganzes Unternehmen an respektive toleriert oder belohnt eine Kultur toxisches Benehmen, dann entsteht ein toxisches Betriebsklima. Dieses zeichnet sich durch die folgenden Merkmale aus (zitiert nach Anika Dang, «Der Standard»):

  • Hohe Fluktuation, vor allem auch durch freiwillige Abgänge.
  • Schlechte Kommunikation oder gar keine Kommunikation – und zwar vom Unternehmen zu den Mitarbeitenden und umgekehrt.
  • Fristen werden nicht eingehalten. Dies deutet auf Motivationsverlust oder Überforderung hin.
  • Falsche Leistungskultur. Diese herrscht zum Beispiel, wenn beschäftigt zu tun höher gewichtet wird als das Erreichen von Zielen, oder wenn Mitarbeitende ungleich behandelt werden.
  • Viele Krankenabsenzen.
  • Keine Zeit für Beziehungen. Der Schwerpunkt der Organisation liegt auf der Erledigung der Arbeit, persönliche Belange werden nicht berücksichtigt.

Die Folgen einer toxischen Unternehmenskultur können dramatisch sein – für die Mitarbeitenden und das Unternehmen. Angestellte können ernsthaft erkranken, zum Beispiel an einer Depression, oder sogar in den Selbstmord getrieben werden. Unternehmen können ernsthafte finanzielle oder Reputationsschäden davontragen (wie VW mit dem Dieselskandal) oder im schlimmsten Fall ganz kaputtgehen (wie der Energiekonzern Enron und mit ihm die Prüfungsgesellschaft Arthur Andersen).

Unter dem Strich mehr Schaden als Nutzen

Kommen wir zur Frage zurück: Nützen die (leistungsfähigen) Toxiker dem Unternehmen mehr oder schaden sie? Die Studie von Housman und Minor kommt zu einem eindeutigen Schluss: der Schaden ist grösser als der Nutzen. Ersetzt man toxische Personen mit durchschnittlichen Mitarbeitenden, dann ist dies doppelt so viel wert wie die Einstellung eines toxischen Hochleisters. Denn die Risiken sind beim Durchschnittsmenschen klein. Beim Toxiker besteht immer die Gefahr, dass er andere kaputtmacht oder sogar das Gesetz bricht, um zum Erfolg zu kommen.

Gerade diese Gefahr wollen viele Unternehmensleitungen und HR-Abteilungen bei der Einstellung von Mitarbeitenden nicht wahrhaben. Sie stützen sich einseitig nur auf die Leistung von Kandidat*innen, statt die Risiken in die Gleichung miteinzubeziehen. Allerdings ist es nicht so einfach, in Bewerbungsgesprächen toxische Personen zu erkennen, sie können sich häufig sehr gut verkaufen.

Finger weg von Toxikern!

Housman und Minor ebenso wie Krogerus und Tschäppeler raten Unternehmen und Organisationen dazu, von Toxikern die Finger zu lassen. Letztere rufen sogar dazu auf, eine nicht-toxische Unternehmenskultur zu definieren und daraus gewünschte Verhaltensweisen abzuleiten. Das könnten einfache Dinge sein wie «freundlich sein», «dankbar sein» oder «die Ideen anderer unterstützen». Boni soll es statt für kommerzielle Erfolge für «kulturelle» geben, nämlich das Einhalten dieser Regeln.

Heidrun Schüler-Lubienetzki kann sich toxische Menschen in einem Unternehmen allerhöchstens in einer Umstruktrierungs- oder Sanierungsphase als nützlich vorstellen. Da seien harte Entscheidungen zu treffen und zu verkünden. «Aber wenn es darum geht, Personal zu gewinnen, zu halten, zu pflegen, weiterzuentwickeln? Wenn es nicht um persönliche Ziele geht, sondern darum, wie ich anderen helfen kann? Da kann ein Toxiker nichts beitragen.»

Hansjörg Schmid

Donnerstag, 26. Aug 2021

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