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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Von der Lernlandschaft ins Dancing Office

Wandel der Arbeitswelt heisst nicht nur, anders zu arbeiten, sondern auch, an anderen Orten.

Emma ist 14. Sie besucht die 2. Klasse der Sekundarschule. Dort arbeitet sie selbstverständlich mit Computer und Tablet. Mit ihrem Smartphone ist Emma stets online – wenn sie will und darf. Seit den Sommerferien wird in ihrem Schulhaus in so genannten Lernlandschaften unterrichtet. Ein grosser Teil des Stoffs wird nicht mehr per Frontalunterricht vermittelt, sondern in der Lernlandschaft selbst erarbeitet. Die Lernlandschaften, wie es sie an diversen Oberstufen wie Müllheim, Wädenswil oder Herisau gibt, sind keine klassischen Schulzimmer, sondern offenere Räume mit multifunktionalen Arbeitsbereichen. Auch Gruppenräume gehören dazu. Die Schülerinnen und Schüler haben dort einen Arbeitsplatz und lernen selbständig und im eigenen Tempo, wobei sie von Lehrpersonen regelmässig gecoacht werden. Die Lernziele können sehr individuell sein, jede Schülerin, jeder Schüler hat vielleicht ein anderes, genau auf sie oder ihn angepasstes.

Mehr Lernerfolg

Die Sekundarschule Buchs Rohr betont in einer im Internet publizierten Dokument die Vorteile der Lernlandschaften wie folgt:

  • Schüler werden dort abgeholt, wo sie stehen, und gezielt gefördert
  • Sie können gemäss ihren Stärken und Schwächen gefördert werden
  • Schwächen können gezielt angegangen werden

Den Schülerinnen und Schülern in Buchs Rohr gefallen die Lernlandschaften, weil sie konzentrierter und selbstbestimmter arbeiten können, schneller vorankommen, die Zeit selber einteilen können und weniger Aufgaben mit nach Hause nehmen müssen. Der beste Effekt ist aber wohl: die Noten sind gestiegen.

In einem klassischen Schulzimmer wäre ein solcher Unterricht nicht möglich. Es braucht bauliche Massnahmen und Gestaltung, damit für die Schülerinnen Arbeitsplätze eingerichtet werden können, die sie individuell gestalten können und an denen sie sich wohlfühlen und konzentriert arbeiten können. Es braucht auch die Möglichkeit, sich einmal zurückziehen zu können oder sich zu zweit oder in Gruppen auszutauschen. Die Umgebung, der Raum, in dem man arbeitet, haben eine grosse Auswirkung darauf, wie man sich fühlt und wie produktiv man ist.

Arbeitssilos sind out

Emma wird vielleicht eine Lehre machen in einem Beruf, in dem sie weiterhin vor allem mit ihrem Kopf arbeitet. Sie wird also viel Zeit in Räumen in Gebäuden verbringen. Nach ihren positiven Erfahrungen mit den Lernlandschaften wird sie ein klassisches nüchternes Einzel- oder Mehrpersonenbüro mit Schreibtisch, Schränken und bestenfalls einer Topfpflanze nicht inspirieren. Noch weniger ein künstlich totenstill gehaltenes Grossraumbüro mit Reihen ausgerichteter Schreibtische, die jeden Abend leergeräumt werden müssen.

Zum Glück kommen Arbeitsplätze in vielen Betrieben immer weniger so daher. Es müssen ja nicht unbedingt bunte Rutschen à la Google sein und es braucht nicht an jeder Ecke einen Fussballkasten. Wichtiger ist, dass Arbeitende den Raum, in dem sie tätig sind, einnehmen und selber gestalten können. So, dass sie sich darin wohl fühlen.

Da der Mensch nun mal ein Gewohnheitstier ist, will er vielleicht am liebsten möglichst oft am selben Ort sitzen. Solche Bedürfnisse werden leider von Unternehmen, die einzig aus Spargründen Desk Sharing eingeführt haben, oft nicht berücksichtigt. (Zu Desk Sharing siehe den Artikel „Das Ende des fixen Büroarbeitsplatzes“.) Die Folge ist, dass Menschen an Orten arbeiten müssen, an denen sie sich unwohl fühlen – das ergibt sicher keine guten Arbeitsergebnisse. Gerade die Generation Z, die jetzt, wie bald auch Emma, ins Arbeitsleben tritt, schätzt „das eigene Büro mit zwei, drei engen Kollegen, Zimmerpflanze und Teetasse auf dem Tisch, dazu Fotos von Freund oder Freundin.“ Dies schreibt der Betriebswirtschaftler Professor Dr. Christian Scholz in seinem Buch „Mogelpackung Work Life Blending“ (siehe den Beitrag „Work-Life-Blending gefährdet die Work-Life-Balance“.) Grossraumbüros gingen an dieser Generation schlicht vorbei, meint Scholz.

Arbeiten kann man überall – aber nicht überall gut

Wahrscheinlich wird Emma in ihrem Beruf viel unterwegs sein. In einem rüttelnden Zug auf dem Tablet zu arbeiten, während im Abteil nebenan eine Gruppe Senioren lauthals ihre in fernen Ländern vollbrachten Heldentaten aufzählt, ist vielleicht nicht ihr Ding. Auch im Hotelzimmer kommt keine kreative Stimmung auf. Lieber wird Emma in einen coolen Coworking Space gehen, in dem eine angenehme Arbeitsatmosphäre herrscht und wo man mit interessanten Menschen zusammentrifft. Zum Beispiel in den neuen Space Zero der Angestellten Schweiz beim Bahnhof Olten. (Zu Coworking siehe die Beiträge „Coworking – so arbeitet man heute immer öfter“.)

Coworking Spaces boomen in der Schweiz und im Ausland. Oft werden, wie bei den Angestellten Schweiz im Space Zero, nicht einfach nur Arbeitsplätze angeboten, sondern eine Umgebung, die inspiriert und die Kreativität anregt. Beim Verband in Olten wurde unter anderem ein so genannter Ideation Space gestaltet, ausgestattet mit allem, was die Ideen zum Fliessen bringt. Er eignet sich besonders für Brainstormings und Workshops. In einem anderen Raum kann man sich in einer wohnzimmerartigen Umgebung entspannen. Ein ähnliches Konzept verfolgt der INNOSpace in Wabern, den wir im Artikel „Der Innovation Flügel verleihen“ beschrieben haben.

Kreativ sein kann man heutzutage nicht nur in grossen Zentren und nahe bei Verkehrsknotenpunkten. Kürzlich eröffnete im bündnerischen Ferienort Savognin Anim – ein umgebauter Stall, der für alles Mögliche genutzt werden kann.

Die kanadischen Rockies oder das eigene Heim

Möglicherweise wird es Emma in ferne Länder ziehen. Dank der digitalen Technik kann sie auf den Malediven ebenso gut arbeiten wie in der Wildnis Kanadas – so lange der Internetanschluss und eine gewisse Bandbreite gesichert sind. Vielleicht verliebt sie sich dort bis über beide Ohren, heiratet und bekommt ein Kind. Dann wird es für sie wieder praktisch sein, ein geordnetes Leben im eigenen Heim zu führen. Selbstverständlich wird Emma weiterarbeiten – dank Homeoffice ist dies kein Problem. Aber sowohl in den kanadischen Rockies als auch am Arbeitsplatz zuhause gilt: Der Raum muss so eingerichtet sein, dass man sich wohlfühlt und konzentriert arbeiten kann. Dafür sorgen muss man im Home Office selber. Gerade dort ist die Gefahr gross, dass man abgelenkt wird. Sei es von der schwatzhaften Nachbarin oder dem lockenden Bier im Kühlschrank. Man muss, ist man angestellt, auch darauf achten, das Arbeitsgesetz nicht zu verletzen (siehe dazu den Rechtsartikel „Home Office – Freipass für Abend- und Nachtarbeit?“).

Emma wird vielleicht selber einmal Unternehmerin sein. Sie könnte sich mit ihrem Team in einem „Dancing Office“ wie dem Experience Center einmieten, das pwc in Zürich Enge eröffnet hat. Dieses verfügt über sogenannte Dancing Walls, die bequem verschoben werden können. Das Bürolayout kann jederzeit den Bedürfnissen angepasst werden.

Mehr Freiheiten heisst mehr Eigenverantwortung

Die Möglichkeiten sind vielfältig. In der (schönen) neuen Arbeitswelt liegt es stets mehr an den Arbeitenden selbst zu entscheiden, in welcher Arbeitsumgebung sie arbeiten wollen. Sie sollen weitgehend die Freiheit haben, sich die geeignete Umgebung auszusuchen und sie für ihre Bedürfnisse anzupassen und zu gestalten. Sie müssen aber als Konsequenz daraus auch die Verantwortung dafür übernehmen.

Hansjörg Schmid

Donnerstag, 25. Okt 2018

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