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Unbezahlte Arbeit sichtbar machen

Wer Arbeit sagt, sagt Lohn. Nicht immer jedoch erhält man ein Gehalt, nachdem man einen Job erledigt hat. Gemäss dem Bundesamt für Statistik beläuft sich die unbezahlte Arbeit auf nicht weniger als 1320 Stunden pro Person und Jahr.

In einem Blog (nur in französischer Sprache) in der Zeitschrift HR Today ruft uns der Arbeitsmediziner Michel Guillemin die unbezahlte Arbeit in Erinnerung, die leider oft unsichtbar bleibt, in der Politik wenig Beachtung findet und kaum erfasst wird. Michel Guillemin unterstreicht, welch hohe soziale und wirtschaftliche Bedeutung die unbezahlte Arbeit jedoch hat. Wir vergessen ausserdem gerne, dass auch unbezahlte Arbeit Risiken für die physische und psychische Gesundheit mit sich bringen kann.

Unbezahlte Arbeit beziffern

In den letzten Jahren ist allerdings das Bewusstsein für diese unsichtbare Arbeit international und in der Schweiz gewachsen. Einer der ersten Schritte zu dieser Sensibilisierung wurde 2013 von der Internationalen Arbeitsorganisation unternommen, indem die Definition von bezahlter und unbezahlter Arbeit präzisiert wurde. Dies ermöglicht es, jede Form der Arbeit besser zu analysieren und auszuweisen. Zudem wird nun anerkannt, dass eine Person sowohl bezahlte als auch unbezahlte Arbeit leisten kann.

Die Auseinandersetzung mit und die Wertschätzung unbezahlter Pflege- und Hausarbeit wurde als eine der Absichten von Ziel 5 (" Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen") der Agenda für nachhaltige Entwicklung bis 2030 festgelegt. Tatsächlich sind es vor allem Frauen, die unbezahlte Arbeit leisten, wie die untenstehenden Zahlen auch für die Schweiz belegen.

In der Schweiz wurde mit der Anpassung der Berechnungsmethode der Invalidenversicherung im Jahr 2018 ein kleiner Schritt zur Anerkennung unbezahlter Arbeit getan. Vor diesem Datum wurde der Anteil der Erwerbstätigkeit von Teilzeitbeschäftigten im Vergleich zum Anteil der häuslichen und familiären Aufgaben überproportional berücksichtigt (siehe «Neue Berechnungsmethode der IV kann Betroffene besserstellen»). Einige Kritiker*innen bestehen jedoch darauf, dass die Änderung der Berechnungsmethode nicht jede Diskriminierung beseitigt habe. Im Zusammenhang mit der Forderung nach Gleichstellung von Mann und Frau wird die unbezahlte Arbeit oft angesprochen. Zum Beispiel am Frauenstreik, wo zum x-ten Mal auf die anhaltende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in Bezug auf häusliche und familiäre Aufgaben hingewiesen wurde. Die Problematik der unbezahlten Arbeit wird auch in den Debatten über Unterstützungsmassnahmen für pflegende Angehörige angeschnitten. Das Bewusstsein über die unbezahlte Arbeit nimmt daher in unserer Gesellschaft zu. Aber wie viele Menschen sind betroffen? Wie wird unbezahlte Arbeit definiert?

408 Milliarden Franken, 9,2 Milliarden Stunden

Das Bundesamt für Statistik (BFS) definiert unbezahlte Arbeit als «Tätigkeiten, die nicht entlohnt werden, theoretisch jedoch durch eine Drittperson gegen Bezahlung ausgeführt werden könnten». Sie wird vom BFS in zwei Kategorien unterteilt: Freiwilligenarbeit (ehrenamtliche Tätigkeiten und Vereinsarbeit, unentgeltliche Hilfe für Angehörige oder Nachbarn usw.) sowie Haus- und Familienarbeit (Kinderbetreuung, Putzen, administrative Arbeiten usw.). Unter Frauen ist der Anteil der unbezahlten Arbeit sogar höher als derjenige der bezahlten Arbeit. Sie leisten 61,3 % der unbezahlten Arbeit, während Männer 61,6 % der bezahlten Arbeit leisten.

Der Wert der unbezahlten Arbeit beläuft sich nach Angaben des BFS auf 408 Milliarden Franken und entspricht 9,2 Milliarden Stunden (Stand 2016). Leider sind seither keine aktualisierten Statistiken mehr veröffentlicht worden. Es ist daher schwierig zu wissen, ob die Zahlen gestiegen oder gefallen sind. Zwischen 2013 und 2016 gab es einen Anstieg der unbezahlten Arbeit.

Wie kann unbezahlte Arbeit besser anerkannt werden?

Ist die Lösung des Problems die Bezahlung von Freiwilligen-, Haus- und Familienarbeit? Die Antwort lautet vielleicht ja. Vielleicht aber wäre die beste Massnahme einfach, diese Aufgaben besser wertzuschätzen und sie in der Berufswelt anzuerkennen.

Ein Beispiel: Sie führen seit vielen Jahren die Kasse eines Verbands. Sie bewerben sich um eine neue Stelle und bekommen diese auch. Wird Ihr neuer Arbeitgeber Ihr ehrenamtliches Engagement bei der Festlegung Ihres Gehalts berücksichtigen? Eine gute Frage. Einige werden es wahrscheinlich tun, hoffentlich die Mehrheit. Im Falle von Haus- und Familienarbeit ist es jedoch weniger wahrscheinlich, dass Ihre Erfahrungen mit Waschen, Einkaufen, Staubsaugen und zwei Kindern von Ihrem neuen oder sogar derzeitigen Arbeitgeber bei der Festlegung Ihres Gehalts berücksichtigt werden.

Wir können mit der Erkenntnis schliessen, wie es Michel Guillemin tut, dass unbezahlte Arbeit ganz offensichtlich positive Aspekte hat. Ob bezahlt oder unbezahlt, Arbeit trägt dazu bei, unserem Leben einen Sinn zu geben, schreibt er. Hoffen wir, dass in Zukunft unbezahlte Arbeit sichtbarer gemacht wird und dass ihr Wert verdientermassen anerkannt wird.

Virginie Jaquet

Montag, 21. Sep 2020

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