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Schwache Arbeitnehmerverbände – grosse Ungleichheit

IWF-Studie: Sind Arbeitnehmende schwach organisiert, steigen nur noch die Top-Löhne – die soziale Ungleichheit wächst. Vor allem im Dienstleistungssektor sind die Arbeitnehmenden schwach organisiert, da gibt es viel Potential.

Die Arbeitnehmerverbände und die Gewerkschaften sind im Krebsgang: Viele leiden an Mitgliederschwund; und besonders im Dienstleistungssektor sind viele Arbeitnehmende nicht organisiert. Gesamthaft sind in der Schweiz rund 16 Prozent der Erwerbstätigen organisiert. Nun ist klar, die schwache Organisation der Arbeitnehmerseite hat dunkle Effekte: Die unteren und mittleren Löhne steigen kaum mehr, die Top-Löhne hingegen wachsen weiter. „Der  Rückgang der gewerkschaftlichen Organisation hat den Anstieg der Toplöhne gefördert.“ Zu diesem Schluss kommt der von Kritikern als neoliberales Nest betitelte Internationale Währungsfonds. Zwei IWF-Forscherinnnen haben in ihrer Ende März veröffentlichten Studie nach Ursachen für die Ungleichheit zwischen 1980 und 2010 in hoch entwickelten Gesellschaften gesucht. Ihre Resultate sind ernüchternd: Die wachsende soziale Ungleichheit sei eine Folge der Schwächung der Gewerkschaften. Die Zahlen der OECD bestätigen: Der Anteil der organisierten Arbeitnehmer hat sich in den OECD-Ländern zwischen 1960 und 2013 nahezu halbiert; von ursprünglich 33,8 auf durchschnittlich 16,9 Prozent. In der Schweiz nahm der Organisationsgrad in diese Zeitspanne von 31 auf 16,7 Prozent ab.

Märkte sind ständig von Kräften beeinflusst

In den 80er Jahren hat die Britische Premierministerin Margreth Thatcher die Macht der Arbeitnehmerorganisationen massiv eingeschränkt. Ihre Idee dahinter: Organisierte Interessengruppen sind Gift für einen Markt. In einer gelenkten Ökonomie sahnt am Schluss die am besten organisierte Gruppe alles ab. Nur in einem komplett liberalen Markt werden schlussendlich die Tüchtigen belohnt. Das Problem dabei: Es gibt nirgendwo „freie Märkte“. Märkte sind nie im Gleichgewicht. Sie sind ständig von Interessen, Kräften und Strukturen beeinflusst. Verliert jemand an Gewicht, gewinnt ein anderer an Einfluss. Wirklichen Einfluss haben heute mächtige Interessengruppen: die Pharmabranche, die Versicherungen und die Banken.

Schwache Arbeitnehmerseite, starke Finanzindustrie

Das Resultat dieser Entwicklung ist klar: Mehr Ungleichheit. Der Ökonom Thomas Piketty machte in erster Linie die Vermögen für die soziale Ungleichheit verantwortlich. Da Kapitalrenditen die Einkommen aus Arbeit bei weitem überstiegen. Die beiden IWF-Forscherinnen haben ihren Fokus auf die Löhne gelegt. Indirekt erheben sie die These: Starke Gewerkschaften sind ein Mittel im Kampf gegen den ständigen Anstieg der Spitzenlöhne. Doch derweil verlieren die Arbeitnehmerverbände und Gewerkschaften an Gewicht und zerfleischen sich selbst – nicht nur in der Schweiz, sondern ebenfalls in Deutschland.

Arbeitnehmer, vereinigt euch

Was können Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbände gegen die Ungleicheit tun? In der Industrie sind die Angestellten traditionell gut organisiert. Immer mehr Menschen arbeiten in der Dienstleistungsbranche, diese ist jedoch schwach organisiert. Die Arbeitnehmenden auch in dieser Branche zu organisieren und damit Einfluss auf Arbeitsgesetze und Lohnabschlüsse nehmen zu können, wird die grosse Herausforderung der kommenden Jahre sein. Weiter muss die Sozialpartnerschaft gefördert werden und nicht zuletzt sollten die Gewerkschaften und Arbeitnehmerverbände erkennen, dass im Spiel jeder gegen jeden, keiner gewinnen kann. Zusammenstehen wäre angesagt – jede Arbeitnehmervertretung ist das ihren Mitgliedern schuldig. Denn die IWF-Studie ist absolut eindeutig: Gehe der Einfluss der Gewerkschaften zurück, schwäche dies die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer in den Lohnverhandlungen. Dies wiederum wirke sich negativ auf die Arbeitnehmer in den mittleren und unteren Lohnbereichen aus, während die Führungsetage und die Aktionäre hiervon profitierten. 

 

Reto Liniger

Dienstag, 12. Mai 2015

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Mitgliederschwund und Zwist zwischen Arbeitnehmer-Organisationen herrschen nicht nur in der Schweiz, ebenso in Deutschland. Lesen Sie dazu den Bericht in „Die Welt“. 

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