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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Jobs für mittel Qualifizierte geraten unter Druck

Die OECD hat untersucht, wie sich die Anteile der Jobs nach Qualifikationsniveau verschieben. In der Schweiz gibt es einen deutlichen Trend zu hochqualifizierter Arbeit. Dies fordert den Mittelstand heraus.

„Die Einkommensungleichheit ist beispielslos im Moment und gefährdet den sozialen Zusammenhalt.“ Dies sagte der Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Angel Gurría, anlässlich einer Medienkonferenz. Laut einer Untersuchung der OECD ist das Einkommensgefälle auf dem höchsten Stand seit 50 Jahren. Das durchschnittlich verfügbare Einkommen der reichsten zehn Prozent der Bevölkerung stieg im OECD-Raum demnach auf über das Neunfache des Einkommens der ärmsten zehn Prozent.

Diese Entwicklung hat viel damit zu tun, dass sich die Anforderungen für die Jobs verschieben. Gefragt sind immer mehr hoch- (+7,5%), zu einem geringeren Anteil aber auch mehr geringqualifizierte Arbeitskräfte(+2%). Der Anteil der Arbeitsstellen für Arbeitskräfte mit mittlerer Qualifikation fiel hingegen zwischen 1995 und 2015 im Schnitt der 35 OECD-Staaten um 9,5 Prozentpunkte. In der Schweiz verlief die Entwicklung sogar noch dramatischer: Hier nahmen diese Stellen um mehr als 15 Prozent ab. Eine ähnliche Entwicklung ist in Österreich und Irland zu beobachten.

Automatisierung erfasst Bürojobs

Der Grund für diese Entwicklung ist nicht überraschend und wurde von den Angestellten Schweiz schon mehrfach angeführt: Die Digitalisierung macht viele Jobs, für die mittlere Qualifikationen gefragt sind, zunehmend automatisierbar. Beispiele sind Sekretariatsarbeiten, Buchhaltung oder Schalterdienste (vgl. dazu den Artikel „Welche Berufe der Automatisierung zum Opfer fallen könnten“). Von der industriellen Produktion kennt man solche Automatisierungsprozesse ja schon seit langem. Nun erfassen Sie auch die Bürojobs.

Weil sich die Arbeitsstellen im mittleren Segment ausdünnen, müssen sich die dort Beschäftigten bewegen. Viele weichen auf Dienstleistungen aus. Oft verlangen diese weniger gute Qualifikationen; dies erklärt die Zunahme der Nachfragen nach Jobs mit tieferer Qualifikation. Wem es gelingt, der qualifiziert sich höher und findet einen besser bezahlten Job. Die Bewegung hin zu besser bezahlten hoch qualifizierten Arbeitsstellen einerseits und hin zu schlechter bezahlten Dienstleistungsjobs andererseits ist der Grund dafür, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnet.

Mittelstand muss sich neu orientieren

Die Angehörigen des Schweizer Mittelstands muss das dramatische Wegbrechen der mittelqualifizierten Jobs beunruhigen. Ihre Stellen werden damit zunehmend unsicher. Viele müssen sich neu orientieren. Tun sie dies nach oben oder nach unten? Schrumpft der Mittelstand?

Die Zahlen der OECD zeigen für unser Land Beruhigendes: Die Verschiebung in der Schweiz ging vollkommen in Richtung höhere Qualifikation. Der Anteil an niedrig qualifizierten Jobs blieb konstant. Personen, die im mittleren Qualifikationsbereich gearbeitet haben, scheinen also nicht in den Tieflohnbereich abgerutscht zu sein. Zudem ist, wie Bernhard Weber, der Stellvertretende Ressortleiter Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gegenüber der NZZ betont, das Qualifikationsniveau der Erwerbsbevölkerung in den letzten zwei Jahrzehnten gestiegen. Dies zeige sich zum Beispiel an der deutlichen Abnahme Bürokräften und der starken Zunahme von Akademikern.

Weiterbildung als Gegenmassnahme

In Deutschland verlief die Entwicklung deutlich weniger positiv als in der Schweiz. Die mittelqualfizierten Jobs nahmen zwar nur um etwa acht Prozent ab, die hoch qualifizierten aber nur um knapp fünf Prozent zu. Das bedeutet, dass in unserem Nachbarland über drei Prozent in tiefer qualifizierte Jobs abgerutscht sind. Die deutsche Arbeitsministerin Andrea Nahles möchte dem entgegenwirken mit der Einrichtung eines mit 20 000 Euro dotieren Erwerbstätigenkontos für alle, die eine Arbeit aufnehmen. Mit dem Geld, so die Erwartung der Ministerin, sollen sich die Erwerbstätigen vor allem weiterbilden.

In der Schweiz scheint eine solche Bildungsinitiative nicht notwendig zu sein. Dennoch müssen wir alles daran setzen, das Niveau zu halten oder lieber noch zu verbessern. Sparmassnahmen im Bildungsbereich, wie sie leider von den Parlamenten auf allen Ebenen vermehrt beschlossen werden, sind diesem Ziel nicht dienlich. Vielmehr sollten Investitionen in die Bildung sichergestellt werden.

Auch was die Erosion des Mittelstands betrifft, steht die Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern gut da. Der Mittelstand scheint sich gemäss einer Studie des Bundesamts für Statistik zu halten. Allerdings macht es einen beträchtlichen Unterschied, ob man zum oberen oder unteren Mittelstand gehört (mehr dazu erfahren Sie im Artikel „Mitte ist nicht gleich Mitte“). Hier scheint es, dass sich eine Schere öffnet. Die Politik ist gefordert, dafür zu sorgen, dass die Schichten in unserem Land nicht auseinanderdriften. Sonst ist der soziale Zusammenhalt auch in der Schweiz gefährdet.

Hansjörg Schmid

 

Job polarisation OECD

 Verschiebung der Jobqualifikationen nach Ländern

Mittwoch, 28. Jun 2017

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