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„Früher nutzte man bei der Arbeit den Rücken ab, heute das Hirn“

Der zunehmende Druck auf die Arbeit führt zu Stress und dieser zu psychischen Erkrankungen. Warum das so ist und was man dagegen unternehmen kann, erklärt der Arbeitsmediziner und Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin, Dr. med. Dieter Kissling, im Interview.

Herr Kissling, in den Medien war kürzlich zu lesen, dass immer mehr Schweizer aufgrund von Krankheiten ausfallen, und das für eine immer längere Zeit. Stellen Sie das auch fest?

Grundsätzlich haben wir bei den Absenzen eine relativ stabile Situation. Aber es gab eine Verschiebung bei den Ursachen der Absenzen. Weg von körperlichen Ursachen und Unfällen hin zu psychischen Ursachen. In der Schweiz werden die Zahlen nicht erhoben, aber die Zahlen aus Deutschland lassen sich auf die Schweiz übertragen. In Schweizer Unternehmen ist etwa die Hälfte der Langzeitabsenzen psychisch bedingt. Rund 20% betreffen Erkrankungen des Bewegungsapparats und 15% des Herzens.

Was sind die Ursachen?

Es gibt verschiedene Gründe. Einerseits sind psychische Erkrankungen weniger tabuisiert – man kann darüber reden. Weiter sind wir das Land, das pro 1000 Einwohner am meisten Psychiater hat – darum kommt es zu mehr psychischen Diagnosen. Ein dritter Faktor ist die Veränderung der Arbeitswelt.

Was ist in der Arbeitswelt passiert?

Erstens geht der Trend weg von der Produktionsarbeit hin zur Dienstleistungsarbeit. Waren wir früher Körperarbeiter, sind wir heute Kopfarbeiter. Früher nutzte man den Rücken ab, heute das Hirn. Zweitens gibt es die Problematik der steigenden Produktivität pro Mitarbeiter. Die Globalisierung verursacht einen Kostendruck, darum muss die Produktivität steigen. Das führt zu einer Verdichtung der Arbeit. Dazu kommt, dass wir ständig erreichbar und multitaskingfähig sein müssen.

Wird das Thema psychische Krankheiten in der Schweiz genug ernst genommen?

Das Bewusstsein ist noch wenig vorhanden. Die Arbeitgeber sehen, dass sie ein Problem haben, sie wissen aber noch nicht, wie damit umgehen. Die Arbeitgeber sind sich vor allem noch nicht bewusst, was stressbedingte Krankheiten im Hirn auslösen. Man kann heute nachweisen, dass chronischer Stress zu Nervenschädigungen führt im Hirn. Dadurch entstehen dann die psychischen Krankheiten.

Vor zwei Jahren empfahl die OECD der Schweiz diverse Massnahmen, um Menschen mit psychischen Problemen besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Wie weit werden diese Empfehlungen aus Ihrer Sicht umgesetzt?

Die Arbeitgeber, die ich betreue, versuchen effektiv, die Betroffenen zu integrieren. Schwierig wird es, wenn jemand den Job verloren hat. Man kommt schlecht wieder in den Arbeitsmarkt hinein.

Was muss man unternehmen, dass dies besser gelingt?

Die Invalidenversicherung versucht es mit Trainingsarbeitsplätzen. Das ist unheimlich wichtig, weil man weiss, dass man das Hirn wieder trainieren kann, es aber viel Zeit braucht. Jemand mit einem Burnout kann nach zwei Jahren noch schwere Defizite haben, wie Vergesslichkeit oder Konzentrationsstörungen. Er ist nicht voll leistungsfähig.

Wie kann man als Angestellter psychischen Erkrankungen vorbeugen?

Hier muss man die Eigenverantwortung und die Verantwortung des Arbeitgebers betrachten. Das Stresserleben vieler Patienten hat viel mit ihrer eigenen Persönlichkeit zu tun. Sie sind oft hoch engagiert und sehr leistungsbereit. Sie verzichten auf eigene Bedürfnisse und opfern sich auf. Sie haben sehr hohe Ansprüche an sich selber. An dieser Persönlichkeitsstruktur muss man arbeiten. Im Weiteren weiss man, dass Bewegung der Gesundheit sehr förderlich ist. Man kann die Stressresistenz durch gesunde Bewegung steigern. Zu empfehlen sind auch Entspannungsmethoden. Dazu gibt es hunderte Methoden, sei es Tai-chi, Qi-Gong, Yoga, Massage, Meditation. Wichtig ist alsdann, dass wir genügend schlafen. Wir brauchen im Schnitt sieben bis acht Stunden Schlaf. Aber auch unter dem Tag sollen wir uns Mikropausen gönnen. Jede Stunde sollten wir fünf Minuten etwas anderes machen. Eine lange Sitzung sollte man nach einer Stunde unterbrechen und eine Pause machen.

Wie intensiv soll man Sport machen?

Das Problem ist, dass leistungsbereite Menschen häufig in eine ungesunde Bewegung gehen. Bei der Bewegung soll es um die Gesundheit gehen und nicht um die Leistung.

Wie bewegt man sich gesund?

Dazu gehört sicher jeden Tag eine halbe Stunde Alltagsbewegung, z. B. Gehen. Darüber hinaus sollte man drei Mal pro Woche ein aerobes Training machen, das heisst im korrekten Pulsbereich. Dazu benötigt man eine Pulsuhr. Eine Tennisstunde gehört nicht zum aeroben Bereich und auch nicht Rennen mit Kollegen, die viel besser sind. Leider joggen die meisten mit dem Kopf und nicht mit dem Körper.

Wenn ich eine Pulsuhr benutze, verliere ich so nicht endgültig noch das Gefühl für meine eigenen Körpersignale?

Für die extrem Leistungsorientierten, die ihre Gesundheit gefährden, ist es nicht schlecht, wenn sie die Kontrolle haben. Das Gerät darf aber auf keinen Fall eine Anstachelung zu immer mehr Leistung sein.

Über psychische Krankheiten zu sprechen ist für viele immer noch peinlich, seien es Angestellte, seien es deren Chefs. Wie kann man diese Peinlichkeit überwinden?

Eine gute Anlaufstelle ist der Hausarzt. Man merkt dann sehr schnell, ob er einen ernst nimmt und das Thema versteht. Der Arzt kann einen dann zu einem Spezialisten schicken. Sicher soll man das Problem dann nicht einfach mit Medikamenten behandeln.

Was machen Sie, wenn sich Menschen an Ihr Institut für Arbeitsmedizin wenden?

Wir können Messungen machen, z. B. in Bezug auf Stress. Auf dieser Basis können wir sehr gut einschätzen, wie des dem Patienten geht und ihm Ratschläge geben. Je nachdem schlagen wir auch ein Gespräch mit dem Vorgesetzten vor.

Wie weit werden die psychischen Leiden der Angestellten noch zunehmen?

Ich erwarte, dass es eine weitere und sogar beschleunigte Zunahme von psychischen Krankheiten geben wird. Der Druck am Arbeitsplatz wird weiter steigen. Zunehmend werden auch Dienstleistungsarbeitsplätze ins Ausland verlagert und es besteht weiter die Problematik mit dem starken Schweizer Franken.

Was sollen die Arbeitgeber diesbezüglich unternehmen?

Sie müssen zuerst einmal erkennen, wer sich gefährdend verhält. Gefragt sind diesbezüglich die Führungskräfte. Die Betroffenen selber spüren oft nicht, dass sie in eine Stresssituation geraten. Der Arbeitgeber muss auch dafür besorgt sein, dass die Arbeitszeiten eingehalten und die Ferien bezogen werden. Die Arbeitslast muss auf alle gleich verteilt werden.

 

Interview: Hansjörg Schmid

Dienstag, 08. Nov 2016

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«Man kann heute nachweisen, dass chronischer Stress zu Nervenschädigungen führt im Hirn.»
Dr. Dieter Kissling

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