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Die zwei Seiten der Medaille des Flexworking

Für viele ist es ein Traum, vollkommen flexibel arbeiten zu können. Andere haben schlicht keine andere Wahl. Eine Studie hat untersucht, was die Motive, Absichten und Bedürfnisse der Flexworker sind.

«Ich wollte etwas machen, worin ich Talent habe und meine Stärken ausleben kann. Etwas, das meinem Wertesystem entspricht und für mich sinnstiftend ist. … Ich habe schnell realisiert, dass die Flexiblität mir sehr entspricht. … Als selbständige Stilberaterin bin ich meine eigene Chefin, muss nichts, kann alles. … So habe ich es geschafft, mein Hobby zum Beruf zu machen und mehr Flexiblität zu gewinnen.»

«Eine grosse Herausforderung ist der Umgang mit Unsicherheit. Es ist manchmal schwierig vorhersehbar, ob Aufträge kommen. Jemand, der auf ein regelmässiges Einkommen angewiesen ist, sollte diese Art zu arbeiten eher nicht wählen. … Man muss flexibel sein in Bezug auf die Arbeitgeber, aber auch auf Arbeitszeiten und Arbeitsort. … Leider ist es manchmal so, dass ich als Temporärarbeiterin das Gefühl habe, von der Firma weniger wertgeschätzt und gefördert zu werden als Festangestellte.»

Die Aussagen von zwei Flexworkerinnen bringen die Ergebnisse der Studie «Flexworker. Ihre Motive, Absichten und Bedürfnisse» der Universität Luzern im Auftrag des Verbands Swissstaffing schön auf den Punkt: Flexwork kann mit sehr viel Freiheit einhergehen, hat aber auch einen Preis. Die ersten Aussagen stammen von einer selbstständigen Stilberaterin, die zweiten von einer Biologiestudentin, die nebenbei als Serviceaushilfe jobbt.

Flexwork ist im Trend

Die Globalisierung, die immer schnelllebigere Wirtschaftswelt und die digitale Transformation bringen es mit sich, dass die Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehung loser wird. Immer mehr Arbeitskräfte verkaufen ihre Dienstleistungen direkt auf dem Markt. Dies hat zur Folge, dass flexible Arbeitsformen zunehmen. In den USA und der EU betrifft dies bereits 20 bis 30 Prozent der Erwerbstätigen.

Flexworker haben gemäss der in der Studie verwendeten wissenschaftlichen Definition «eine hohe Kontrolle und Autonomie über ihre Tätigkeit». Die Bezahlung erfolge üblicherweise pro Aufgabe, Verkauf oder gewährtem Auftrag und sei meist für eine begrenzte Dauer. Der Verband der Personaldienstleister Swissstaffing versteht unter Flexworkern «Menschen, die flexibel arbeiten möchten – sei es, weil sie dank Flexiblität den Weg zurück in die Erwerbstätigkeit suchen oder weil es ihrer Lebensphilosophie entspricht».

Die Hälfte tut es nicht freiwillig

Flexibilität bezieht sich auf die Arbeitszeit (Gleitzeit, Jahresarbeitszeit, Teilzeit, Arbeit auf Abruf), den Arbeitsort (Telearbeit, virtuelle Arbeitsräume, Home-Office, Coworking) und das Arbeitsverhältnis (Berater*innen, Portfolioworker, Temporärarbeitende, Selbständige, Freelancer). Die Swissstaffing-Studie fokussiert auf Temporärarbeitnehmende, bei denen Flexwork oft den Haupterwerb darstellt. Sie basiert auf 31 Interviews mit Flexworkern.

Ins Auge springt bei der Swissstaffing-Studie, dass 50 Prozent der Befragten angaben, das flexible Arbeitsmodell nicht freiwillig gewählt zu haben. In einer Flexwork-Studie von McKinsey hingegen waren es lediglich 14 Prozent. Die Erklärung dafür liegt darin, dass die McKinsey-Studie einen anderen Fokus hatte: Freelancer, die sich grossmehrheitlich als Selbständige verstehen.

Der hohe Anteil an unfreiwilligen Flexworkern im Segment der Temporärarbeitenden im Haupterwerb weist deutlich darauf hin, dass Flexibilität immer zwei Seiten hat. Sie bringt Vor-, aber auch Nachteile mit sich.

Hohe Selbstbestimmung

Die Motive für Flexwork sind sehr vielfältig. Einer der Hauptgründe ist die Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben. Wer selber bestimmen kann, wann und wo sie arbeitet, ist oft glücklicher.

Flexwork kann aber auch dazu beitragen, finanzielle Lücken zu überbrücken. Zum Beispiel, wenn sich Selbständigerwerbende über eine Online-Arbeitsplattform zusätzliche Aufträge verschaffen.

Häufig genannte Motive sind im Weiteren Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung. Wer Abwechslung mag und eigenbestimmt handeln möchte, lässt sich nicht gerne durch eine Festanstellung einschränken.

Einige Flexworker schätzen auch, dass sie, statt einmal im Jahr beim Mitarbeitergespräch, für jeden Einsatz ein Feedback und Anerkennung erhalten.

Hohe Selbstverantwortung

Diese Vorteile sind allerdings mit zum Teil grossen Herausforderungen verbunden. Als Nachteil betrachten viele der Studienteilnehmerinnen das Problem der ständigen Verfügbarkeit: «Durch das Umfeld entsteht eine Erwartungshaltung, dass man jederzeit verfügbar ist. Gleichzeitig ist man versucht, in ständiger Bereitschaft zu sein für den Fall, dass ein Auftrag kommt.»

Die grosse Autonomie von Flexwork bringt es mit sich, dass die Selbstverantwortung sehr hoch ist. Selbständigerwerbende müssen zum Beispiel auch Funktionen ausüben, für die in einem Unternehmen Spezialisten zuständig sind.

Überbrücken die einen Flexworker finanzielle Engpässe mit Zusatzaufträgen, leben andere in steter finanzieller Ungewissheit, weil sie kein planbares geregeltes Einkommen haben. Dazu kommt, dass die Kreditwürdigkeit von Flexworkern von Finanzinstituten oft kritisch beurteilt wird.

Was die Wertschätzung betrifft, leiden gerade Temporärarbeitende häufig darunter, dass es in den Betrieben oft zwei Klassen von Angestellten gibt. Sie fühlen sich häufig ausgeschlossen und weniger wertgeschätzt.

Das Umfeld muss stimmen

Damit die Kehrseiten der Medaille für Flexworker nicht zur Belastung werden, müssen gute Voraussetzungen geschaffen werden für diese Arbeitsform. Dabei spielen einerseits die Intermediäre – die Personaldienstleister – eine wichtige Rolle, aber auch die persönliche Umgebung. Unterstützung in der Familie wird als wichtige Voraussetzung genannt, um als Flexworker arbeiten zu können. Die Arbeitsvermittler nehmen den Flexworkern auf der anderen Seite wichtige Aufgaben ab, wie die Akquisition neuer Projekte oder Mandate. Dies nimmt den Flexworkern gemäss der Studie 20 bis 30 Prozent der Zeit ab.

Ebenso wichtig sind für Flexworker neben beruflichen Qualifikationen persönliche Eigenschaften wie Eigeninitiative, Selbständigkeit, Offenheit, Anpassungsfähigkeit, soziales Geschick, intrinsische Motivation, Abgrenzungsfähigkeit und Stressresistenz.

Alle sollen profitieren

Wenn es gelingt, die Nachteile von Flexwork auszugleichen und die Vorteile voll auszunützen, dann bietet diese Arbeitsform grosse Chancen für alle – Arbeitnehmende und Arbeitgebende. Flexwork ist auch in der Schweiz auf dem Vormarsch. 46 Prozent aller Erwerbstätigen haben bereits flexible Arbeitszeiten, 33 Prozent arbeiten im Homeoffice und 23 Prozent haben flexible Arbeitsverträge.

Eine Herausforderung gilt es nach der Swissstaffing-Studie auf dem Weg zur flexiblen Arbeitswelt noch anzupacken: Das «Flexibilitäts- und Autonomiebedürfnis von Arbeitnehmenden gerät jedoch immer mehr in Konflikt mit Arbeitsgesetz und Gesamtarbeitsverträgen. Hier sind moderne Lösungen gefragt, um die neue Realität in die Zukunft zu führen.» Diese Forderung von Swissstaffing ist nachvollziehbar. Neue gesetzliche Regelungen dürfen aber auf keinen Fall auf Kosten der Flexworker gehen – schon gar nicht derjenigen Flexworker, die dies nicht freiwillig sind. Damit alle profitieren können, muss deren Anteil dramatisch sinken, bevor Gesetze flexibilisiert werden. Dem Schutz der Gesundheit von Flexworkern ist dabei besondere Beachtung zu schenken.

Hansjörg Schmid

Mittwoch, 15. Jul 2020

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