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Gespräch mit Susan Göldi, Dozentin FHNW

„Die Menschen unterscheiden sich untereinander, weniger die Generationen“

Susan Göldi, die seit langer Zeit an der Fachhochschule Nordwestschweiz unterrichtet, erlebt die jungen Generationen als offen, lernfähig und ambitioniert. Dies stimmt sie optimistisch.

Frau Göldi, Sie lehren seit 20 Jahren an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Wie unterscheiden sich aus Ihrer Sicht die Generationen Y und Z von den vorherigen?

Zuerst stellt sich die Frage: Vergleichen wir junge Menschen mit alten Menschen oder vergleichen wir junge Menschen mit jungen Menschen von früher, also z. B. die Generation Y mit der Generation X, als diese jung war. Dazu ist allerdings anzumerken, dass die Generation Y die erste ist, die umfassend erforscht ist.

Dann vergleichen Sie doch bitte die heutigen Generationen Y und Z mit den jungen Generationen X und Babyboomer.

Das ist richtig interessant. Die Welt hat sich kolossal verändert. Ich gehöre der Generation Babyboomer an. Ich wuchs mit dem Fernsehen auf, daneben gab es noch das Radio. Ich hatte eine, vielleicht zwei Stunden Medienkonsum pro Tag. Die jungen Menschen sind heute 24 Stunden während sieben Tagen die Woche online. Aber eben nicht nur sie, sondern auch ich beziehungsweise die Angehörigen der älteren Generationen. Die Mediatisierung hat alle Generationen erfasst, die Welt ist anders geworden. Wer darin bestehen möchte, muss medial kompetent agieren.

Wie prägt das die Menschen?

Die Digitalisierung hat nicht nur eine technische, sondern auch eine soziale Komponente. In einem globalisierten Umfeld arbeitet man anders, man braucht andere Kompetenzen. Man muss international denken, man muss kooperationsfähig sein, man braucht bessere Sprachkompetenzen etc. Für einen Angehörigen der Generation Y ist das ziemlich klar. Sie und ich als Angehörige der Generation X dachten vielleicht noch, wir könnten uns ohne Englisch, Spanisch oder Chinesisch und ohne Computer durchschlagen. Das glaubt kein junger Mensch mehr. Veränderung ist heute kein Gespenst, das einen bedroht, sondern die Realität. Wir müssen uns anpassen und die Veränderung vorwegnehmen. Das ist auch ein kultureller Wandel.

Wie wirkt sich dieser aus?

Die Sozialisierung findet in einem anderen kulturellen Umfeld statt, das immer stärker angelsächsisch geprägt ist. Heute finden viele Studiengänge nur noch auf Englisch statt. Ich vermute, dass der Anteil an Menschen, die sehr introvertiert sind, schrumpfen wird. Wir müssen mehr von uns Preis geben, kommunikativ und dialogorientiert sein.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

1980 oder 1990 konnte sich ein Ingenieur noch denken, dass er sich nicht vor Leute stellen und etwas erklären oder verkaufen muss. Dafür gab es ja in den Betrieben Spezialisten. Heute ist dies keine Option mehr – und den angehenden Ingenieuren ist das bewusst. Sie wissen, dass sie vor Publikum auftreten, ihre Ideen auf Plakaten, in Tages- und Fachzeitschriften vorstellen und in Beiträgen auf Facebook und Youtube verbreiten müssen. Für die Generation Y ist dies eine Selbstverständlichkeit, die Generation X und die älteren Generationen mussten diesen Weg zuerst zurücklegen.

Werden die Leute immer mehr zu Generalisten?

Ich weiss nicht, ob Generalist der richtige Begriff ist. In der Wissenschaft ist mehr von Interdisziplinarität die Rede: in jedem Berufsfeld muss man sich in verschiedensten Disziplinen auskennen. Die Automatikerin kommt heute nicht mehr ohne Informatik aus, der Betriebsökonom nicht ohne Psychologie. Trotzdem wird es noch Spezialisten geben, sie müssen aber auch an den Schnittstellen stark sein und über soziale Fähigkeiten verfügen.

Wie weit ist das Bildungssystem auf diese Tatsachen ausgerichtet?

Immer mehr, wir arbeiten stetig daran. An der Fachhochschule arbeiten die verschiedenen Institute und Studiengänge zunehmend zusammen.

Sie sagten, dass die Veränderungen alle Generationen erfasst hätten. Gibt es aber nicht doch Unterschiede zwischen den Angehörigen der Generationen Y und Z und den Angehörigen der Generationen Babyboomer und X?

Die Menschen unterscheiden sich untereinander, nicht so sehr die Generationen. Es sind nie alle Vertreter gleich innerhalb einer Generation. In jeder Generation gibt es die Konservativen, die Progressiven, die Traditionellen, die Offenen. Ein konservativer Angehöriger der Generation Y ist weniger modern als ein progressiver Angehöriger der Generation X. Interessant ist übrigens, dass die Schweiz mit ihrem entwickelten Markt in den Generationen-Studien zum Teil andere Ergebnisse erzielt. Es zeigt sich, dass die jungen Menschen hierzulande sehr anspruchsvoll sind, wenn es zum Beispiel um die Sinnhaftigkeit der Arbeit geht.

Mit welchen Weltanschauungen haben Sie es an der Fachhochschule vor allem zu tun?

Die Studierenden absolvieren bei uns eine tertiäre Bildung. Sie sind offen für Neues, lernfähig und ambitioniert. Dieses Segment der Bevölkerung wird sicher noch weiter wachsen, weil immer mehr Menschen eine tertiäre Bildung in Angriff nehmen. Für mich ist das eine positive Entwicklung.

Also wird der Anteil an offenen und progressiven Menschen in der Gesellschaft steigen?

Ja, und auch der Anteil an lern- und veränderungsbereiten Menschen. Sie haben nicht mehr so sehr das Gefühl, dass sie irgendwo angekommen sind, sondern es ist für sie klar, dass sie sich ständig weiterentwickeln müssen und dass sich ihr Beruf verändern wird. Im Gegensatz zu den Angehörigen der Generation X stellen sich die Jüngeren aber häufiger auch eine horizontale Karriere vor. Entsprechend erwarten sie von der Arbeitswelt, dass sie viele Erfahrungen sammeln können und dass sie gefordert und gefördert werden.

In grösseren Betrieben lässt sich das ja wohl noch gut einlösen. Wie können es kleinere Betriebe schaffen, an die guten Leute zu kommen?

Ich leite den Studiengang Bildungs- und Kompetenzmanagement und diese Frage beschäftigt uns. In der Pflegebranche wurden Lösungen entwickelt. So gibt es dort zum Beispiel den Laufbahnkoffer. Unter anderem damit gelingt es, berufliche Perspektiven zu bieten. Im Lehrberuf ist Letzteres ein grosses Problem, viele Abgängerinnen und Abgänger der Pädagogischen Hochschulen steigen nach wenigen Jahren wieder aus.

Studien legen nahe, dass die jungen Generationen sehr angepasst und nicht aufmüpfig sind. Ist die Jugend von heute langweilig und brav und bewegt nichts mehr?

Das kann ich nicht bestätigen. Die jungen Leute sind aber gut erzogen und ich schätze das. Sie sind freundlich, nett, diplomatisch und sensibel.

Wissen ist heute überall und immer abrufbar. Was bedeutet das für das Lernen?

Wissen ist nicht das, was ich im Internet finde, sondern das, was ich im Kopf habe. Im Internet findet man aber Fakten, und das ist nur vorteilhaft. Es bedeutet nämlich, dass man in der Schule viel anspruchsvollere Aufgaben stellen kann, weil der Zugang zu Fakten leicht ist und diese auch gut überprüft werden können.

Was hat das für Auswirkungen auf das Unterrichten?

Der Lehrplan 21 betont ja stark auch die Kompetenzen. Die Schule verharrt heute nicht mehr beim Wissen, sondern geht weiter zur Problemlösung. Das Wissen ist also kein Selbstzweck mehr, sondern ein Instrument, um ein Problem zu lösen.

Wie lernen die jungen Generationen?

Das Lernen ist und bleibt harte Knochenarbeit. Ich glaube nicht, dass sich das ändern wird. Etwas angenehmer wird es höchstens dadurch, dass man Lerngames einsetzt.

Wie sind die Erfahrungen damit?

Sie sind nicht nur gut. Gleichzeitig ist nichts gegen Spass beim Lernen einzuwenden – im Gegenteil.

Es gibt viele Menschen, die besonders gut lernen, wenn sie sich bewegen können.

Die Schüler können das heute in der Schule. Früher war man ja sozusagen an das Pult angekettet. Die Schulabgänger erwarten natürlich, dass sie sich auch am Arbeitsplatz bewegen können und nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen müssen. Aber auch, dass es Raum für Gespräche gibt.

Also braucht es bunte Räume und Rutschbahnen wie bei Google?

Es muss nicht unbedingt so aussehen, aber es braucht Räume, Zeit und Strukturen für den Ideenaustausch – vor allem aber auch Wertschätzung.

Wird es bald keine Bildungsinstitutionen mehr geben, weil die Studenten sich online bilden, Stichwort Massive Open Online Courses (MOOC)?

Ich sehe diese Kurse nicht als Ersatz für die anderen Bildungsinstitutionen, sondern als Ergänzung. Es ist wie bei den Wandtafeln, sie existieren trotz digitalen Medien in den Schulzimmern immer noch und alle lieben sie.

An solchen MOOCs kann ja gar nicht auf die einzelnen Studenten eingegangen werden, wenn Zehntausende teilnehmen.

Die MOOCs sind im Normalfall eher kurz und dienen den allermeisten Studenten als Input, nicht für die Interaktion. Sie surfen in den Angeboten quasi herum wie auf Netflix und suchen sich Themen aus, die sie interessieren und zu denen sie mehr wissen wollen. Ich finde es toll, wenn sich jemand eine Vorlesung über Physik oder Chemie anschaut, statt eine zweifelhafte Serie zu konsumieren.

Wie weit wird das Lernen sich in den digitalen Raum verschieben?

Die digitalen Lernmittel haben noch grosses Potenzial, ich glaube aber nicht, dass das Lernen in Zukunft nur noch digital stattfinden wird. Lernen hat eine starke soziale und auch eine physische Komponente, Stichwort Bewegung.

Wie stehen die jungen Generationen zur Frage der Verschmelzung von Beruf, respektive Schule oder Studium, und Freizeit?

Wir sind immer online. Das hat zur Folge, dass die verschiedenen Welten zusammenkommen, gerade in den sozialen Medien. Junge Menschen lernen schnell Strategien, wie sie damit umgehen.

Wie bereiten Sie an der Fachhochschule die Studenten auf das Berufsleben vor?

Als Fachhochschule versuchen wir den Anspruch zu erfüllen, dass wir sehr praxisorientiert sind. Wir arbeiten in Projekten, in denen echte Probleme gelöst werden. So kommen die Studenten auch in Kontakt mit Kunden.

Sie vertreten ja die Auffassung, dass sich nicht so sehr die Generationen untereinander unterscheiden, sondern eher die Menschen. Gibt es aber nicht doch ein paar Eigenschaften oder Haltungen der jüngeren Generationen, in denen sie sich von den älteren unterscheiden?

Aus Studien über die Generation Y ist deutlich ersichtlich, dass die jungen Leute ein anderes Verhältnis zu Feedback haben. Sie wollen mehr Feedback und sie geben mehr Feedback – dazu werden sie schon in der Schule ermutigt. Unsere etwas altmodischen Strukturen lassen dies manchmal zu wenig zu, es existiert keine richtige Feedbackkultur. Betriebe müssen eine solche pflegen, wenn sie junge Menschen ansprechen wollen.

Welche anderen ähnlichen Unterschiede zeigen die Studien noch?

Auch die Einstellung zu Misserfolg scheint sich zu ändern. Ein solcher wird zunehmend als Lernerfolg interpretiert, sofern daraus gelernt wird. Er ist damit nicht mehr negativ, sondern im Gegenteil essenziell. Auch darum wird die Fehlerkultur immer wichtiger.

Gespräch: Hansjörg Schmid

Montag, 10. Jul 2017

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«Wer in der heutigen Welt bestehen möchte, muss medial kompetent agieren.

Für junge Menschen ist klar, dass sie sich ständig weiterentwickeln müssen und dass sich ihr Beruf verändern wird.

Ich glaube nicht, dass das Lernen in Zukunft nur noch digital stattfinden wird, lernen hat eine starke soziale und auch eine physische Komponente.
Die Generation Y will Feedback und gibt Feedback.»
Susan Göldi, Dozentin FHNW

Zur Person

Susan Göldi ist Dozentin und Trainerin für Wirtschaftskommunikation, integrierte Unternehmenskommunikation und wissenschaftliche Arbeitsmethodik an der Hochschule für Wirtschaft, Fachhochschule Nordwestschweiz. Sie forscht u.a. in den Bereichen digitale Transformation und Berufsprofile, strategisches Bildungs- und Kompetenzmanagement sowie Kommunikation mit digitalen Medien. Susan Göldi leitet das MAS Bildungsmanagement und Erwachsenenbildung, eine Kooperation mit der Lernwerkstatt Olten.

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