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„Das „Instant Access“ ist ein Hauptvorteil des Crowdworking“

An der Universität St. Gallen wurde vor ein paar Jahren das Competence Center Crowdsourcing (https://crowdsourcing.iwi.unisg.ch) gegründet, das sich unter anderem auf die neue digitale Arbeitsform fokussiert: dem Crowdworking. Wir haben mit Prof. Dr. Ivo Blohm, dem Leiter dieses Competence Centers, gesprochen:

Herr Blohm, wie verbreitet sich das Crowdworking in der Schweiz?

Bevor ich Ihre Frage beantworte, möchte ich gerne präzisieren, dass das Crowdworking verschiedene Phänomene umfassen kann. Wir unterscheiden hier in der Regel zwei zentrale Spielarten. Zum einen das Crowdsourcing. Dabei werden Leute eingeladen sich bei der Bearbeitung einer Aufgabe zu beteiligen – wie z.B. bei Wikipedia. Jeder kann mitmachen, jeder kann sich einbringen. Hierfür gibt es kein Geld und die Leute machen aus freien Stücken mit, weil sie die Sache spannend finden. Zum anderen das Crowdworking. Das betrachten wir als eine Form digitaler Erwerbsarbeit, d.h., die Bearbeitung solcher offenen Aufgaben wird finanziell entlohnt und die Crowdworker machen das zumindest teilweise um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Jetzt komme ich zurück zu Ihrer Frage. Das nicht bezahlte Crowdsourcing ist in der Schweiz schon weit verbreitet und erfreut sich einer relativ grossen Beliebtheit. Zum Beispiel gab es ein Projekt von der SBB, die ihre neue App von 12000 Leuten hat testen lassen. Dafür haben die Teilnehmer kein Geld erhalten – die Motivation war hier eher Neugier oder die Möglichkeit sich in den Entwicklung der App einbringen zu können. Das bezahlte Crowdworking steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Ein sehr schönes Beispiel aus der Schweiz ist jedoch das Unternehmen Mila – die vermitteln Crowdworker mit technischen Fertigkeiten. Wenn ich z.B. Probleme bei der Installation meines Internets habe, kann ich mir dort im Sinne bezahlter Nachbarschaftshilfe Unterstützung holen. Die grössten Crowdworking-Plattformen sind aber sehr international ausgerichtet. Crowdworker aus der Schweiz haben dann oftmals Schwierigkeiten mit den gezahlten Preisen in Europa, Indien usw. zu konkurrieren. Hier gibt es aber noch keine gute Datenlage und wir müssen mit Sicherheit noch mehr Forschungsarbeit leisten.

Und in welchen Branchen ist das Crowdworking am meisten verbreitetet?

Das Crowdworking hat in der IT-Branche relativ gut Fuss gefasst, vor allem in Software-Entwicklung und –testing. Die Branche ist schon seit geraumer Zeit stark vom Outsourcing betroffen, so dass hier Crowdworking oftmals eine neue Facette davon darstellt. Ansonsten gibt es das Crowdworking auch häufig in der Designbranche, wenn jemand zum Beispiel ein Logo designen lassen möchte, funktioniert das relativ gut. Man beschreibt wie das Logo aussehen soll und gibt vielleicht ein paar beispielhafte Logos vor, die einem gefallen. Die Crowd erarbeitet dann neue Vorschläge und der Auftraggeber pickt die zehn besten Logos raus. Er gibt dann Feedback und lädt kreativsten Crowdworker zu einer zweiten Designrunde. Für das beste Logo, dass dann am Ende ausgewählt wird gibt es dann in der Regel einen Geldpreis. Für den Auftraggeber kann so die gesammelte Kreativität der Gruppe relativ einfach gesteuert werden. Auch in der Innovationsentwicklung ist Crowdworking schon relativ weit verbreitet.

Ansonsten trifft man immer häufiger auf das interne Crowdworking. Dabei wird Crowdsourcing als Organisationsprinzip eingesetzt, um die kollektive Kreativität der eigenen Mitarbeiter innerhalb der Unternehmensgrenzen besser nutzen zu können. Die Mitarbeiter machen, dass manchmal neben ihrer regulären Tätigkeit, oftmals werden sie zur Teilnahme am Crowdworking aber auch teilweise von ihren regulären Tätigkeiten freigestellt. Intern wird die Arbeit dann nicht mehr hierarchisch verteilt. Der Chef sagt also nicht, wer was zu tun hat, sondern die Arbeit wird intern über eine Crowdworking-Plattform ausgeschrieben, auf der die Mitarbeitenden sich einbringen können. Szenarien wie diese gibt es immer häufiger.

Welche Auswirkung(en) hat das Crowdworking auf die Arbeitswelt?

Ich denke, die Digitalisierung hat einen grossen Einfluss auf unsere Arbeit, die sich in meinen Augen in den nächsten Jahren noch radikal verändern wird. Crowdworking ist in meinen Augen eine dieser vielen Veränderungen, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen wird. Ich glaube, dass sich die Menschen generell immer mehr auf ihre „Kernaufgaben“ fokussieren müssen. Diese Kernaufgaben benötigen ein hohes Mass an  akademischer oder praktischer Ausbildung, wiederholen sich nicht stark und sind immer mit dem Fällen komplexer Entscheidungen verbunden. Alles was repetitiv ist, wird durch die Crowd oder aber durch Algorithmen und künstliche Intelligenz abgelöst werden.

Was veranlasst ein Unternehmen dazu, Crowdworker zu beschäftigen?

In unserer Forschung haben wir gesehen, dass Crowdworker die Aufgaben, die sie bearbeiten oftmals mit gleicher oder gar besserer Qualität machen. Da gilt mit Sicherheit nicht für alle Bereiche, aber gerade bei der Lösung anspruchsvoller technischer, wissenschaftlicher oder kreativer Aufgabenstellungen kann die Crowd sehr gute Ergebnisse erzielen. Zum Beispiel haben wir über 30 Softwareentwicklungsprojekte ausgewertet, bei denen wir die traditionellen Softwaretestingverfahren mit denen eines sog. Crowdtesting vergleichen haben. Knapp 90% der Fehlermeldungen, die die Crowdworker identifiziert haben waren den Unternehmen komplett unbekannt. Ausserdem ist die Crowd extrem schnell. Wenn Abends bei Unternehmen die Lichter ausgehen, dann fängt die Crowd oft erst an zu Arbeiten. Ein weiter Grund ist zudem das Bestreben Kosten zu sparen. Wir haben aber gesehen, dass Crowdworking in der Regel am erfolgreichsten eingesetzt wird, wenn andere Motive im Vordergrund stehen. Zum Beispiel das Lösen von Aufgaben für die ich In-House keine Lösung entwickeln konnte.

Was motiviert jemanden dazu, Crowdworker zu werden?

Das Hauptargument aus Sicht eines Arbeitnehmers ist: ich kann sofort arbeiten. Ich gehe auf eine Plattform, erstelle ein Nutzerprofil und ich kann loslegen. Es gibt kein Bewerbungsgespräch, kein Assessment Center. Auf der anderen Seite muss man sich aber auch hier hocharbeiten. Am Anfang hat man oft relativ schlechte bezahlte Aufgaben, die sehr langweilig und repetitiv sind. Mit jeder erfolgreich bearbeiteten Aufgabe kann man jedoch seine digitale Reputation vergrössern und mit der Zeit kann man so besser bezahlte und abwechslungsreichere Aufgaben übernehmen. Ab einer gewissen Reputation kann man sich die Aufgaben sogar Aussuchen und oftmals die eigenen Preisvorstellungen für das Bearbeiten einer Aufgabe durchsetzen.

Wer sind die Crowdworker?

Viele Crowdworker machen dies als Nebenerwerb, um etwas dazu zu verdienen. Die Crowdworker sind ganz bunt gemischt von Studenten über Hausfrauen bis hin zu Rentnern, aber tendenziell eher junge Menschen.

Welches sind die Vorteile des Crowdworking?

Für die Crowdworker ist die Zugänglichkeit der Arbeit mit Sicherheit das Hauptargument. Auch Flexibilität ist extrem wichtig. Als Crowdworker kann ich entschieden, wann ich arbeite, wo ich arbeite und für welche Aufgabe ich mich bewerbe. Aus Sicht des Unternehmens ist es in meinen Augen, dass Crowdworking ein standardisierter Mechanismus ist, mit dem ich über eine Internet-Plattform aus dem Stehgreif auf die Kreativität, Arbeitskraft, Kompetenzen in einer schier unendlich grossen Masse an Crowdworkern zugreifen kann. Dieser „Instant Access“ ist in meinen Augen einer der Hauptvorteile des Crowdworking für Unternehmen. Der zweite Vorteil ist die Möglichkeit effektive Problemlösungen zu erlangen.

Welches sind die Nachteile des Crowdworking?

Auf der Arbeitnehmerseite ist dies der eher geringe Verdienst, der zwar mit der Zeit steigt, wenn man seine digitale Reputation aufbaut. Freelancer müssen sich ja immer ein Portfolio aufbauen. Als Crowdworker ist der Aufbau eines solchen Portfolios aber extrem schwierig, da man an eine Plattform gebunden ist. Man sammelt dort Erfahrungspunkte und wenn man die Plattform wechselt, verliert man seine digitale Reputation. Auf der neuen Plattform muss man wieder von null anfangen. Aus Unternehmersicht ist die grösste Herausforderung, dass die systematische Durchführung von Crowdsourcing eine ganz Reihe von versteckten Kosten mit sich bringt. Wenn ein Unternehmen etwas ausschreibt, hat es schon einen gewissen Aufwand, um zu definieren, was es möchte. Auch ist die Auswertung der Ergebnisse der Crowdworker oftmals sehr aufwendig, da sehr häufig aus vielen Einreichungen die besten Einreichungen ausgewählt werden müssen. Zudem ist es für viele Unternehmen eine Herausforderung, den ersten Schritt in die Crowd zu wagen.

Wie können die Nachteile für die Angestellten vermieden oder reduziert werden?

Ich denke hier gibt es verschiedene Möglichkeiten. Ein erster Schritt wäre hier mit Sicherheit eine Art Selbstverpflichtung der Crowdworking-Plattformen. In Deutschland haben eine Reihe von Crowdworking-Plattformen einen „Code of Conduct“ entwickelt (http://www.crowdsourcing-code.de/), in dem sie sich dazu verpflichten, „faires Crowdworking“ anzubieten. Dies umfasst z.B. eine angemessene Bezahlung, die Gestaltung abwechslungsreicher Aufgaben, Aufklärung der Crowdworker über gesetzliche Rahmenbedingungen und viele weitere vergleichbare Punkte. Ein zweiter Schritt der damit einhergeht, ist das Sicherstellen das auch tatsächlich fair bezahlt wird. Ich habe keine Zahlen für die Schweiz, aber die fairen Plattformen in Deutschland versuchen den Leuten etwas mehr als den gesetzlichen Mindestlohn pro Stunde zu bezahlen. In Deutschland liegt der derzeit bei 8.50 Euro. Der dritte Schritt wäre das verbessern der generellen Informationslage, insb. muss Crowdworkern die Gelegenheit gegeben werden, sich über die Arbeitsbedingungen und die Verhaltensweisen der Crowdworking-Plattformen auszutauschen. Ein sehr schönes Beispiel ist hier die Plattform faircrowd work (http://faircrowd.work/de/) aus Deutschland. Auf dieser können Crowdworker ihre Arbeitsbedingungen auf den Crowdworking-Plattformen bewerten und sich entsprechend über diese Informieren.

Wie wird sich das Crowdworking in der Zukunft verbreiten?

Wir werden immer flexibler arbeiten. Die Unternehmen werden in Zukunft einige Kernangestellte haben, ein paar Freelancer, und andere externe Dienstleister. In meinen Augen werden Crowdworker in diesem Mix eine feste Grösse werden.

Interview: Virginie Jaquet

Montag, 25. Sep 2017

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