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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Aufschwung der Industrie – kommt er tatsächlich?

Die Medien schrieben die Überwindung der Frankenkrise und den Aufschwung der Industrie schon wiederholt herbei. Es zeigte sich dann aber jeweils, dass das Wachstum doch nicht so recht in die Gänge kommen wollte. Nun sieht die Handelszeitung den Industrieaufschwung als unaufhaltbar. Zu Recht?

„Zurück in den unsichersten Zeiten nach dem Frankenschock wähnte so mancher Pessimist die Schweizer Wirtschaft vor wenigen Tagen.“ Dies schrieb die Handelszeitung am 8. Juni 2017 in einem Beitrag mit dem Titel „Aufschwung voraus“ (Printausgabe), respektive „Starker Sommer für die Schweizer Wirtschaft“ (Online-Ausgabe). Im Beitrag kommt der Autor Mathias Ohanian zum Schluss, dass Pessimismus nicht angebracht sei.

Zu den Pessimisten zählt das Blatt auch den Stellvertretenden Geschäftsführer der Angestellten Schweiz, Christof Burkard – weil der sich Sorgen macht über die Häufung der Verlagerung von qualifizierten Stellen aus der Schweiz. Er wird mit Worten, die aus einer Medienmitteilung der Angestellten Schweiz stammen, zitiert: „Die industrielle Basis wird so immer dünner und droht, irgendwann wegzubrechen.“

Die Handelszeitung weist darauf hin, dass „nach gängiger ökonomischer Lesart“ die „Jobzahlen lediglich ein Spätindikator für die konjunkturelle Entwicklung“ seien, quasi ein Blick in den Rückspiegel. Richte man den Blick nach vorne auf Stimmungsumfragen, Auftragseingänge und Investitionsausgaben, dann sehe es „alles andere als düster“ aus. Die Wirtschaftszeitung beruft sich dabei unter anderem auf die Prognosen von BAKBASEL, welche auch die Angestellten Schweiz als Grundlage nehmen. Die BAK-Zahlen zeigten einen Industrieaufschwung.

Sind die Angestellten Schweiz also grundlos pessimistisch oder ist die Handelszeitung zu optimistisch? Mit solchen Kategorisierungen ist wenig geholfen, die Lage ist differenziert zu betrachten.

Unterschiedliche Realitäten

Zuerst einmal gibt es die Industrie nicht. „Die einzelnen Subbranchen der Industrie und auch die einzelnen Betriebe befinden sich in teilweise komplett unterschiedlichen Situationen“, stellt Christof Burkard klar. Haben die einen die Frankenkrise tatsächlich gut gemeistert, leiden andere immer noch stark darunter. Christof Burkard: „Dies gilt ganz besonders für die KMU in der MEM-Branche, viele davon Zulieferer. Sie generieren ihre ganze Wertschöpfung in der Schweiz und können nicht einfach auf Auslandproduktion oder andere Währungen ausweichen. Es gibt bei den grossen Betrieben sogar Empfehlungen, sich Zulieferer im Ausland zu suchen.“

Aber auch global ausgerichtete Traditionsbetriebe wie Ammann oder Landis + Gyr verlagern Arbeitsplätze aus Kostengründen ins Ausland. Arbeitsplätze, die einmal aus der Schweiz weg sind, werden nicht mehr zurückkommen – darin sind sich alle Arbeitsmarktexperten einig. (Die sehr wenigen Ausnahmen bestätigen diese Regel nur.) Ist eine kritische Grösse nämlich einmal unterschritten, wird es schwierig, wieder etwas aufzubauen. Denn die betroffenen Ingenieure, Prozessspezialisten und Polymechaniker haben sich anders orientiert.

Für das Jahr 2017 ist zumindest für die MEM-Industrie noch keine Entspannung zu erwarten. BAKBASEL sagt noch immer eine Schrumpfung der Arbeitsplätze von 0,2 Prozent voraus. Erst 2018 und 2019 dürfte die Anzahl Beschäftigter wieder um je rund ein halbes Prozent wachsen. Für die Branche Chemie/Pharma sehen die Zahlen deutlich positiver aus (vgl. dazu die Branchenmonitore im Apunto 2/2017, Seiten 16 und 17).

Arbeitsplätze werden vor allem im Ausland geschaffen

Die Schweizer Industrie ist nicht nur in der Schweiz stark, sondern vermehrt im Ausland. Die MEM-Industrie habe in den letzten zehn Jahren 10 000 Arbeitsplätze verloren, sagte Philippe Cordonier, Verantwortlicher für die Romandie bei Swissmem, gegenüber der Zeitung Le Temps. Er ist sich nicht sicher, dass sich der Trend umkehren wird. Cordonier betont, dass es einen anhaltenden Aufschwung brauche, damit sich die Margen der Unternehmen verbessern und sie neue Stellen schaffen.

Wo die Schweizer Industrie bereits fleissig Stellen schafft, ist im Ausland. Philippe Cordonier weist darauf hin, dass die Swissmem-Firmen dort 500 000 Arbeitsstellen haben – gegenüber 320 000 im Inland.

Dass Schweizer Unternehmen Stellen im Ausland aufbauen, um dort eine starke Marktpräsenz zu haben, kann man ihnen nicht verargen. Aber es ist im Hinblick auf die kommende Industrie 4.0 auch unabdingbar, dass Arbeitsplätze in der Schweiz erhalten und geschaffen werden. Die Industrie 4.0 ist eine riesige Chance für die Schweizer Industrie und Wirtschaft (vgl. dazu die Position der Angestellten Schweiz zur Industrie 4.0). Damit sie aber gepackt werden kann, braucht es als eine der Grundvoraussetzungen eine solide industrielle Basis. Dies schliesst auch die Fertigung ein. Ein reines Engineering ist zwar möglich, aber es ist wohl noch weniger ortsgebunden. Wir sollten also auch an der Fertigung in der Schweiz festhalten, denn auch aus ihr entsteht Innovation. „Wir dürfen unsere industrielle Basis nicht durch die Verlagerung von zentralen Bereichen ins Ausland aufs Spiel setzen, sonst findet die nächste industrielle Revolution in anderen Ländern statt“, warnt Christof Burkard.

Auch die Finanzierung der KMU muss auf den Tisch. Gemäss Studien der Nationalbank ist deren Fremdfinanzierung in den letzten fünf Jahren massiv gesunken. Vorstösse hinsichtlich einer Beteiligung der Nationalbank müssen geprüft werden.

Der Aufschwung der Schweizer Industrie, wie ihn die Handelszeitung vorhersieht, mag – oder wirdhoffentlich – kommen. Voraussetzung dazu ist aber, dass die Schweizer Industrieunternehmen nicht nur im Ausland, sondern auch in der Schweiz Stellen aufbauen. Dafür müssen die Arbeitgeber und die Politik sorgen.

Hansjörg Schmid

Montag, 26. Jun 2017

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