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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

ADHS-Betroffene helfen sich selbst

„Bei Gefühlen gibt es nicht 1 oder 0“

In Zug treffen sich ADHS-Betroffene unter Leitung eines Coachs regelmässig zu einem Erfahrungsaustausch – und um sich gegenseitig moralisch unter die Arme zu greifen.

„Das Thema des heutigen Abends ist ein sehr schwieriges“, stellt Felix Jäggi, der ADHS-Experte und Coach der Powermanagement GmbH, zum Start der Dialoggruppe ADHS klar. Es geht an diesem regnerischen Oktoberabend um den Perspektivenwechsel, der ADHS-Betroffenen in Konfliktsituationen grosse Mühe bereiten kann. Einerseits sind sie sehr oft weit feinfühliger als andere Menschen und können sich gut in ein Gegenüber versetzen. Sie meistern auch Krisensituationen hervorragend, weiss Felix Jäggi. Viele wählten darum Berufe wie Polizist oder Nothelfer. Andererseits können ADHS-Betroffen total überfordert reagieren, wenn sie angegriffen werden –oder sich vermeintlich attackiert fühlen (da sie empfindliche Menschen sind, braucht das nicht viel). „Eine Konfliktsituation löst in ADHS-Menschen einen unheimlichen Stress aus und blockiert sie“, erklärt Felix Jäggi. „Sie können dann nicht mehr richtig denken.“ Manchmal gehen ADHS-Betroffene auch voll auf (Gegen-)Angriff. In diesem Fall können sie den Anderen sehr präzise und gezielt verletzen.

Solche Blockade- und Konfliktsituationen kennen die sechs Betroffenen an diesem Abend nur allzu gut. Sie empfinden Konflikte aus verschiedenen Gründen als äusserst unangenehm. Neben der Überwältigung durch den Stress müssen sie auch feststellen, dass sie beim Gegenüber schlecht ankommen, mit ihren Argumenten nicht durchdringen. Ihr bei den Anderen oft als aggressiv interpretiertes Verhalten stösst auf wenig bis kein Verständnis. „Das bleibt nicht ohne – bittere – Folgen für die ADHS-Betroffenen“, sagt Felix Jäggi. „Sie fühlen sich abgelehnt. Sie fragen sich, was sie denn ständig falsch machen und nagen an Selbstzweifeln. Viele glauben, Versager zu sein, ihr Selbstwertgefühl rutscht in den Keller.“ Von da ist es nicht mehr weit bis zur Depression, eine Erfahrung, welche ein grosser Teil der Dialoggruppe schon machen musste.

Plötzlich geht es quasi ums Überleben

Warum können ADHS-Menschen einerseits so viel Empathie zeigen und andere Menschen verstehen und andererseits in Konfliktsituationen überhaupt nicht auf den Anderen eingehen? Dieser Frage ging die Dialoggruppe in einer sehr offenen, von gegenseitigem Respekt geprägten Diskussion auf den Grund. Schnell wurde klar, dass es einen riesigen Unterschied macht, ob ein „technisches“ oder ein menschliches Problem gelöst werden muss. „Technische Probleme sind für ADHS-Betroffene einfach zu lösen, da man den Fehler garantiert findet“, sagte eine Teilnehmerin. „Bei den Gefühlen jedoch gibt es nicht 1 oder 0.“ Damit war der springende Punkt erkannt: Bei Konflikten spielen die Emotionen eine riesige Rolle. „Der durch sie ausgelöste emotionale Stress führt dazu, dass ADHS-Betroffene quasi auf Überlebensmodus schalten und nur noch einen extrem engen Fokus haben“, führte Felix Jäggi aus. So gelinge es nicht mehr, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und auf seine Argumente einzugehen.

Dieser emotionale Stress, dem ADHS-Betroffene häufig unterworfen sind, „ist ein unheimlicher Energiefresser“, stellte ein Teilnehmer fest und fragte, wie die anderen ihn bewältigen. Im Moment des Ausbruchs sei es schwierig, sagte Coach Jäggi. „Wird man mit einem Vorwurf konfrontiert, soll man vorerst mal auf Zeit zu spielen“, riet er. Dies könne man zum Beispiel, indem man frage, wie eine Anschuldigung gemeint sei. Das gebe einen Moment Zeit, um sich zu fangen. Um den Stress generell abzubauen, bewährt sich für die meisten Teilnehmer der Dialoggruppe der Sport. Besonders in der Natur könne man wieder durchatmen. Aber auch an der eigenen Haltung sei zu arbeiten, fand eine Teilnehmerin: „Wichtig ist, sich selber nicht alles übel zu nehmen und sich selber nicht in Frage zu stellen.“

Energien freisetzen

Der Ansatz von ADHS-Coach Felix Jäggi ist ressourcenorientiert. Das heisst, er möchte die ADHS-Menschen, die zu ihm kommen, befähigen, die Energien und Begabungen (besser) zu nutzen, die ihnen ADHS eben auch gibt. Betroffene könnten nämlich nicht nur gut Situationen erfassen und sich in andere Menschen einfühlen, sie engagierten sich auch sehr zielgerichtet und effizient für eine Sache oder Aufgabe. „Wer diese Ressourcen geschickt nutzt, macht die Defizite mehr als wett“, ist Felix Jäggi überzeugt.

ADHS-Betroffene haben es gerade auch in der Arbeitswelt oft schwer, weil ihr Verhalten von den Arbeitskolleginnen und –kollegen nicht verstanden oder falsch interpretiert wird (vgl. dazu den Beitrag „Wie ein Schiff ohne Kapitän“). Ob es sinnvoll sei, sich in der näheren Arbeitsumgebung zum „Syndrom“ zu bekennen, wurde in der Dialoggruppe kontrovers diskutiert. Ein Teilnehmer, der ein Burnout erlitten hatte, berichtete von positiven Erfahrungen. Sein Umfeld reagierte positiv, als er ADHS als Grund für seine Erkrankung angab. Andere stiessen auf weniger Verständnis. Felix Jäggi riet davon ab, zu viel preiszugeben. „ADHS, und ganz besonders die teilweise Folgekrankheit Depression, werden von vielen als psychische Störung betrachtet und die Betroffenen entsprechend stigmatisiert“, weiss er aus seiner Beratungserfahrung. Ein Teilnehmer findet das äusserst schade: „Ich würde gerne die Wahrheit sagen, ich mag es generell nicht, etwas zu verheimlichen.“ Eine Arbeitswelt, in der man offen dazu stehen kann, etwas anders zu funktionieren, ist in der Tat eine schöne Vision. Noch ist es aber ein weiter Weg dorthin.

 

Hansjörg Schmid

Mittwoch, 23. Nov 2016

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