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Das Online-Magazin der Angestellten Schweiz

Arbeit soll Freiwilligenarbeit fördern

 

Der Einstieg ins Berufsleben ist einer der grössten Schritte im Leben eines Menschen. Ziel ist es, die jungen Menschen auszubilden, damit sie Verantwortung übernehmen und verlässliche Mitglieder der Arbeitswelt werden. Bei diesem Prozess werden das vorhandene Potenzial der Jugendlichen meistens zu wenig ausgeschöpft und der Ansatz der Jugendförderung zu wenig angewandt.

 

Jugendförderung bedeutet, dass Jugendliche über zahlreiche Kompetenzen verfügen und diese aktiv „bedient“ werden müssen, so durch den Glauben an die Fähigkeiten der Jugendlichen, durch das Übertragen von Verantwortung und das Geben von Autonomie.

Meines Erachtens sind drei zusammenhängende Ursachen hauptverantwortlich für die mangelnde Potenzialnutzung. Erstens wissen wenige Arbeitgebende und wenige erwachsene Mitarbeitende um dieses Potenzial der Jugendlichen. Zweitens wollen sie nicht Jugendlichen Verantwortung übergeben. Drittens erkennen Arbeitgebende zu wenig, wie viel die Potenzialförderung ihrem Betrieb nützt. Insbesondere Letzteres werde ich illustrieren und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.

Bedeutung der Freiwilligenarbeit als Lernort

Unabhängig vom Beruf sind Jugendliche freiwillig tätig. Das deutsche Wort „Freiwilligenarbeit“ drückt es schön aus: Es ist Arbeit, freiwillig durchgeführt. Jugendliche machen in Vereinen, Organisationen und Jugendgruppen mit. Mitmachen bedeutet häufig, Führungsfunktionen und Verantwortung zu übernehmen: Bei Pfadi, Jungwacht Blauring und Cevi sind Jugendliche Leitende und führen eigenständig Aktivitäten mit Kindern durch. Bei Suizidpräventions- und LGBT[1]-Gruppen treten die Jugendlichen häufig als InitiantInnen, Vorstände und damit als eigene AkteurInnen in Erscheinung. Beide Formen existieren in zahlreichen Organisationen im Umwelt- und Menschenrechtsbereich. Gemäss dem jüngsten Freiwilligenmonitor leisten 22% der 15- bis 19-Jährigen Freiwilligenarbeit und 20% der 20- bis 39-Jährigen. Möglicherweise ist es mehr aufgrund aller nicht-institutioneller Gruppen – eine Engagementform, die gerade für Jugendliche typisch ist.

Bei der Freiwilligenarbeit lernen die Jugendlichen einiges:

  • Teamarbeit

  • Zuverlässigkeit

  • Flexibilität

  • Führung

  • Budgetierung

  • etc.

All dies sind wertvolle Kompetenzen, die auf dem Arbeitsmarkt äusserst gefragt sind. Eine Studie von economiesuisse bestätigt dies. Bezeichnend: Üblicherweise werden diese Kompetenzen durch (mehrjährige) Arbeitserfahrung, teilweise durch Weiterbildungen, erworben. Die Freiwilligenarbeit stellt also einen weiteren Lernort neben Schule und Beruf dar.

Wie Unternehmen die Freiwilligenarbeit fördern können

Meines Erachtens ist es daher erstrebenswert, wenn die Unternehmen diese „Weiterbildung“ der Jugendlichen fördern und als Investition in den eigenen Betrieb betrachten. Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Einige existieren bereits, einige sind vom Dachverband der Jugendverbände SAJV[2] angedacht, einige sind Ideen für kommende Debatten.

Im OR ist geregelt, dass Jugendliche (bis 30 Jahre), die Freiwilligenarbeit leisten, hierfür eine Woche unbezahlt frei erhalten. Dieser Jugendurlaub existiert seit 1991 und wird rege genutzt, beispielsweise für Sommerlager der oben genannten Verbände. Doch es besteht noch Luft nach oben. Ebenso trauen sich junge Menschen nicht, ihr Recht durchzusetzen, wenn sich ihr Chef quer stellt. Die SAJV bietet daher Information für Jugendliche und Arbeitgebende, z.B. mit einer Website und Beratungen. Und wie wäre es, wenn der Jugendurlaub bezahlt wäre?

Denkbar sind weitere Förderinstrumente für junge und auch erwachsene Angestellte. So rechnen einige Unternehmen einen Teil des politischen Engagements der Mitarbeitenden als Arbeitszeit. Diese Massnahme basiert auch auf den Werten der alten Griechen, die die Partizipation der Bürger[3] für die Gemeinschaft als von Nutzen ansahen und daher mit Anreizen förderten. Möglich wäre weiter, analog zum Weiterbildungsbudget ein Budget für Freiwilligenarbeit zu erstellen und hieraus die Abwesenheit der Mitarbeitenden zu finanzieren.

Schliesslich lässt sich das Pferd von hinten aufzäumen: Die Kompetenzen, welche in der Freiwilligenarbeit erworben werden, sind im Anstellungsverfahren kaum anerkannt. Wie bereits erwähnt, sind sich die meisten Arbeitgebenden, aber auch viele Jugendliche, des Wertes der Kompetenzen nicht bewusst. Dies führt dazu, dass die erworbenen Kompetenzen nicht thematisiert werden. Stellen Sie sich vor: Ein (ehemaliger) Pfadileiter führt am Vorstellungsgespräch für eine Führungsfunktion selbstbewusst aus, wie viele Kinder er schon angeleitet hat, welche kritischen Situationen er meistern musste und was daher seine Führungsstärken sind!

Die SAJV setzt hier an und beabsichtigt, die Jugendlichen zu sensibilisieren, dass sie Kompetenzen erworben haben sowie dass sie diese im Lebenslauf und am Gespräch hervorstreichen sollen. Zweitens besteht Bedarf einer für die Arbeitgebenden geeigneten schriftlichen Darstellung der erworbenen Kompetenzen. Wer selber wenig Bezug hat zur Freiwilligenarbeit, kann als Einstellende hinter den freiwilligen Funktionen im Lebenslauf die erworbenen Kompetenzen wie beispielsweise Teamarbeit, Zuverlässigkeit und Budgetierung nicht herauslesen. Dazu gibt es mit dem Dossier freiwillig engagiert bereits ein Referenztool, welches Freiwillige für ihre Freiwilligenarbeit erhalten. Die SAJV will mit den Arbeitgebenden prüfen, inwiefern dies vermehrt auf Jugendliche ausgerichtet werden kann und einfach handhabbar für die Einstellenden die Kompetenzen aufzeigt.

Auch wenn Freiwilligenarbeit Spass macht: Sie nützt dem Unternehmen

Auch nach dieser Möglichkeitsauflistung ist mir klar: Freiwilligenarbeit macht den Jugendlichen Spass, sehr viel und sehr häufig sogar. Und das soll so bleiben. Doch die Bedeutung des Lernorts der Freiwilligenarbeit und der Nutzen für die Unternehmen sind aktuell noch derart unterschätzt, sodass Massnahmen gefragt und sinnvoll sind. Nicht nur der Jugendförderung für die einzelnen Jugendlichen und für die ganze Gesellschaft wegen, sondern auch für die Fortentwicklung des eigenen Betriebs.

Andreas Tschöpe


[1] LGBT oder LGBTIQ ist das Akronym für Menschen, welche nicht der Heteronormativität entsprechen. Es steht für Lesbian Gay Bisexual Transgender sowie Intersex Queer.

[2] siehe Legende

[3] Bekanntlich waren es bei den alten Griechen in den Stadtstaaten wie beispielsweise Athen nur die Männer, die als Bürger galten.

Donnerstag, 06. Okt 2016

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Zum Autor

Andreas Tschöpe ist Geschäftsleiter der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV). Die SAJV ist der Dachverband von 60 Jugendorganisationen in der Schweiz. Die SAJV setzt sich mit verschiedenen Projekten und auf dem politischen Parkett für Freiwilligenarbeit und Partizipation von Jugendlichen ein. Andreas Tschöpe ist Nationalökonom und leitet die SAJV seit sechs Jahren.

 

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